Vive la périphérie!
Erst kommt die Hauptstadt. Dann kommt erst mal gar nichts. Danach die Grande Nation. Und irgendwann der Rest der Welt – vielleicht. Ein bisschen Louis Quatorze und Napoléon Bonaparte, ein Hauch Sonnenstaat und Premier Empire steckt nach wie vor in den zentralistisch gepolten Köpfen der französischen Elite. Deshalb laufen auch mehr als zwei Jahrhunderte nach der Revolution die Fäden von Politik, Wirtschaft und Kultur noch immer in Paris zusammen. Das ist die gefühlte Wahrheit. Mit anderen Worten: Wer nach ganz oben will, muss in die Kapitale, auf den französischen Olymp.
Wer es «nur» in der Provinz schafft, hat es nicht geschafft.
Nehmen wir Nicolas Joël. Der gebürtige Pariser hat an den großen Häusern Europas und Amerikas inszeniert und fast zwei Jahrzehnte lang das schmucke Théâtre du Capitole geführt. Vermutlich das einzige Musiktheater, das in einem Rathaus spielt. Doch leider steht es nicht an der Seine, sondern an der Garonne – in Toulouse, der viertgrößten Stadt Frankreichs. Vor dreieinhalb Jahren folgte Joël deshalb mit Kusshand einem Ruf an die Opéra National, um das kapriziöse Pariser Publikum zu besänftigen, das sich immer wieder über den antikulinarischen Stil Gerard ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Albrecht Thiemann
Es ist ein ganz eigenes Theatererlebnis, das dem Besucher zur Eröffnung der ersten Spielzeit unter dem neuen Intendanten Michael Börgerding im Großen Haus am Goetheplatz beschert wird: Man geht in die Oper – und ist mitten drin im Geschehen um den Niedergang der verkommenen «Netzestadt» Mahagonny. Benedikt von Peter, der in Bremen jetzt als Künstlerischer Leiter...
Im Sprechtheater wundert sich schon längst keiner mehr, wenn ein Regisseur den Originaltext als Steinbruch versteht und sich mit Strichen, Umstellungen und Implantaten ein neues Stück zusammenbaut. Im Musiktheater dagegen gilt die Partitur noch immer als (mehr oder weniger) sakrosankt, Verstöße gegen dieses eherne Gesetz ahndet das Publikum gern mit tumultartigen...
Das war einmal verpönt. Zu Zeiten des ästhetischen Diktats der seriellen Berufsavantgardisten sah sich alles, was irgendwie nach Literaturoper roch, verschärfter Strafandrohung ausgesetzt. Die Postmoderne steht dem wieder aufgeschlossener gegenüber. Erlaubt ist, was gerät. Und zumindest in weiten Teilen geraten ist, was Andrea Lorenzo Scartazzini, Jahrgang 1971,...
