Unter Feuer

Brüssel | Händel: Orlando

Opernwelt - Logo

Der Konflikt zwischen Trieb und Vernunft ist für die Barockoper paradigmatisch, und er wird allemal zugunsten der Vernunft entschieden. Nicht anders in Händels «Orlando». Die Geschichte vom «Rasenden Roland» – nach dem Versepos des Ariost von 1532 – stellt aber insofern eine Besonderheit dar, als sie das ungeordnet Triebhafte bis ins Extrem manifesten Wahnsinns vorantreibt. Ausgelöst wird er durch die unerwiderte Liebe zur schönen Angelica.

Orlando verfolgt sie und ihren Geliebten Medoro in mörderischer Rage – und lässt erst ab, als er, wie durch ein Wunder, wieder bei Verstand ist. Regisseur Pierre Audi zieht daraus den Schluss, dass man dem lieto fine nicht trauen sollte: Ordnung und allgemeine Zufriedenheit durch radikale Triebzensur – diese Rechnung geht schließlich in den drei vorausgehenden Akten nicht auf.

Bei Audi ist Orlando ein Feuerwehrmann – und Pyromane. So erfolgreich er im Dienst Brände löscht, so wenig gelingt es ihm im Leben, die Glut seiner Leidenschaften zu kontrollieren. Äußeres Sinnbild dieser Schwäche: Er fackelt auch mal selbst ein Häuschen ab. So weit hergeholt diese Idee auf den ersten Blick scheinen mag: Sie passt zum Stück, durch das sich die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2012
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Ingo Dorfmüller

Weitere Beiträge
Etappensieg

Es war der bis dahin wichtigste Abend seiner Karriere: Nachdem er Tamino und lange Florestan gesungen und sich über den «Meistersinger»-David, den «Holländer»-Steuermann und Rienzi ans Wagner-Fach herangearbeitet hat, debütierte der Niederösterreicher Andreas Schager jetzt als Siegfried beim «Ring» in Halle und Ludwigshafen – und eroberte die Herzen des Hallenser...

Die Schwäne sind zurück

Es soll Zeiten gegeben haben, in denen sich Regisseure lieber einen Finger abgetrennt hätten, als im «Lohengrin» auf der Bühne einen Schwan zu zeigen. Konnte dieser doch als Sinnbild für naturalistischen Bühnenballast und unzählige Anekdoten herhalten. In den beiden aktuellen Produktionen am Rhein herrscht kein Schwanenmangel: In Koblenz lässt Videokünstler Georg...

Trauma und Tai Chi

So ein Wagner-Glück gibt es in Skandina­vien nicht alle Tage: In zwei Städten, die nur ein sechzehn Kilometer schmaler Wasserstreifen trennt, standen «Parsifal»-Premieren auf dem Programm. Man musste nur über den Øresund fahren, jene geschichtsträchtige Meer­enge, die Dänemark von Schweden trennt, um erhellende Vergleiche zwischen den Aufführungen in Kopenhagen und...