Schlucken vor der Einsicht

Mit seinem Bayreuther «Ring» von 1976 ist Patrice Chéreau international berühmt geworden. Trotzdem hat er seitdem nur selten Oper inszeniert: «Lulu» und «Wozzeck» von Berg, «Lucio Silla» und «Don Giovanni» von Mozart. Letzterer liegt nun auch schon elf Jahre zurück. Jetzt lässt Chéreau sich in Aix-en-Provence auf Mozarts «Così fan tutte» ein. Dafür ­hatte er sich den Dirigenten Daniel Harding ­gewünscht. Das Ergebnis war in Frankreich heftig umstritten; die Proteste galten sicherlich auch dem Festival-­Intendanten Stephane Lissner, seinem Schritt an die Mailänder Scala und seiner Politik der Koproduktionen. Künstlerisch ist die neue «Così», die im Herbst in Paris und später in Baden-Baden zu sehen sein wird, vor allem eins: Schwindel erregend einfach. Wie schwer das Einfache ist, zeigen in Aix die ­anderen Produktionen, die allesamt hinter Chéreaus Niveau zurückfallen. Mehr über die Höhe- und Tiefpunkte des aktuellen Aixer Jahrgangs auf den folgenden Seiten.

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Als Patrice Chéreau 1994 in Salzburg Mozarts «Don Giovanni» inszenierte, wagte er ein Tänzchen. Im zweiten Akt, wenn der Verführer seine Canzonetta zur Mandoline säuselt, posierte kein Macho unter dem Balkon von Elviras Zofe, sondern ein halb verrückter Autist begann sich zu drehen, zu steigern, zu verlieren in der Sucht des Eroberns. Es war ein leerer, trippelnder Totentanz, ein Abgesang auf den Eros, ein dürrer Kommunikationsversuch, mehr Klage als Tändeln. Ein berückendes Bild, aus dem sich Friedhofsszene und Finale als logische Konsequenzen ergaben.


Wenn Chéreau nun in Aix-en-Provence «Così fan tutte» inszeniert, taucht wieder ein Abschiedstanz auf. Wir sind noch in der Exposition des Stückes, bevor Ferrando und Guglielmo sich als Soldaten verabschieden, um gleich da­rauf als Tizio und Sempronio die Braut des jeweils anderen zu erobern. Die vier jungen Menschen, die sich nie mehr so finden werden, wie sie sich gerade noch haben, halten sich an den Armen. Sie ziehen sich in Kreisen über die Bühne, zerren sich vorwärts, richtungslos, mühsam Halt aneinander findend. In der Generalpause nach Mozarts in hoffnungslosen Sechzehnteln zuckendem Andante hackt Don Alfonso diesen Reigen mit ...

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Opernwelt September/Oktober 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Stephan Mösch

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