Produktive Überforderung
Wer in Taipeh bestehen will, muss clever sein, sagt Kuang-Ching Sung, erster Posaunist des Nationalen Symphonie Orchesters von Taiwan (NSO). Offen für alle Wechselfälle des Lebens und vor allem schnell. Wohl wahr. Das Tempo der Millionenstadt am Nordwestrand der Insel, die seit 1949, nach der Flucht der von Maos Volksarmisten geschlagenen Kuomintang, als (demokratische) Republik China firmiert, ist so atemraubend wie die heiße, nach Wasser und Benzin schmeckende Luft, die in den Straßen hängt.
Tag für Tag mischt sich das Knattern hunderttausender Motorroller mit dem dröhnenden Sound unüberschaubarer Automassen zu einer kakophonisch gellenden Unendlichen. Alles tönt auf engstem Raum durcheinander, alles scheint im Fluss. Sogar das grüne Ampelmännchen ist hier in Aktion: Kaum leuchten die Zahlen der Countdown-Uhren auf, die den Fußgängern bedeuten, wie viele Sekunden für die Straßenquerung bleiben, geht die kleine Ampelfigur auch schon zügig los; je dichter die Zeitanzeige gen null rückt, desto schneller wird der Schrittrhythmus.
Nicht selten müssen sich Kuang-Ching Sung und seine dreiundneunzig Mitstreiter in Taiwans führendem philharmonischem Kollektiv ein wenig wie das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Die Dramaturgie des Skandals folgt einem (fast) immer gleichen Muster: Da ist zunächst ein casus belli, der Schockwellen öffentlicher Erregung freisetzt; diese münden in einer (meist) prominent besetzten ergebnisoffenen Debatte (gut, dass wir über alles geredet haben); den Abschluss bildet eine Phase der Erschöpfung. Das Interesse erlahmt. Denn auch ein Reizthema...
Eine Szene gibt es an diesem Abend, die ist so bewegend, dass sie beinahe atemlos macht. Es ist eine Szene, in der die Musik von Andrea Lorenzo Scartazzini, die sonst so gern auftrumpft, dem Schweigen nahe ist, wo sie dem Bild die Macht überlässt, den Worten. Rechts, am Rand der Bühne, Judit, die Tochter des Mörders Goncalvez, im roten, gleichsam blutdurchtränkten...
Seit fünfzehn Jahren ist René Jacobs Künstlerischer Leiter der Innsbrucker Festwochen. Er hat dem vor drei Jahrzehnten gegründeten Festival, das Geschäftsführerin Sarah Wilson stolz eine musikalische «Edelboutique» nennt, unverkennbar seinen Stempel aufgedrückt. Ob Cavalli, Cesti, Conti, Telemann, Hasse, Graun, Händel, Gaßmann, Monteverdi oder Mozart: Der...
