Ohnmacht der Kunst?
Wozu die Kunst? Ein Sprech-Chor, der nicht auf der Straße, sondern auf der Bühne wirken wolle, sei Kitsch und Manier, räsonierte Peter Handke Ende der 1960er-Jahre. Ähnlich argumentierten damals alle, die sich auf der Höhe der Zeit wähnten. Doch neu war die agitatorische Pose nicht. Die Frage, ob die künstlerische Ästhetik (das «In-den-Rahmen-Setzen» einer Angelegenheit, die dadurch besondere Aufmerksamkeit erfährt) wirkungsmächtig genug sei, um das Bewusstsein des Rezipienten zu verändern, ist vermutlich so alt wie die Kunst selbst.
Zumindest dürfte sie die über das affirmativ Dekorative hinausdenkenden Künstler beschäftigt haben, seit diese sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung – und wohl auch ihrer gelegentlichen Ohnmacht diesbezüglich – bewusst wurden.
Auf gleicher Strecke befindet sich der Titelheld in Paul Hindemiths Oper Mathis der Maler, wenn er grübelt: «Hast du erfüllt, was Gott dir auftrug? Ist, dass du schaffst und bildest, genug?» Ob Mathis Gothart-Nithart alias Matthias Grünewald (1475/80 bis 1528/32) sich tatsächlich aus Frustration über die ästhetische Distanz seiner Kunst den rebellischen Bauern anschloss, ist nicht belegbar. Auch stellte Hindemith sich die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Februar 2013
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Gerhard Persché
Vor der Opéra Bastille demonstriert eine dichte Menschenmenge für die Homoehe, es erfordert Geduld und Körpereinsatz, sich überhaupt den Weg ins Theater zu erkämpfen. Da macht die Biederkeit der neuen Pariser Carmen doch recht betroffen: Söldner in beigen Uniformen treffen in einer Lagerhalle auf Tabakarbeiterinnen, deren bunte Trägerhemdchen unterm offenen Kittel...
Wer historisch informierte Aufführungspraxis sagt, meint in der Regel nicht die Operette. Dass indes Werke des Unterhaltungstheaters des späten 19. und 20. Jahrhunderts durch Bearbeitungen nicht selten ihrem Originalklang schnell entwöhnt wurden, ist zwar keine neue Erkenntnis, interessiert aber in der Regel wenig. Das gilt nicht für Florian Ziemen. Der...
Manche mögen’s laut. Seit Edgar Varèses Orchesterdetonationen hat sich kaum ein Komponist so lustvoll fortissimo ausgetobt wie Samir Odeh-Tamimi. Als der in Tel Aviv geborene Wahlberliner aus einer palästinensischen Familie 2010 bei der Ruhrtriennale seine erste Oper vorstellte (Leila und Madschnun), wirkte die ungestüme Energie, die kunstvoll-rohe Kraft seiner...
