Karneval der Kindsköpfe
«Zu» steht auf dem Big-Brother-Container, den Hartmut Meyer für «Die Verurteilung des Lukullus» auf die Bühne der Komischen Oper stellt. Während im Orchestergraben der pompöse Leichenzug des römischen Feldherrn und Feinschmeckers unter Eberhard Kloke als schwächelnde Begleitmusik zu einer Lichtspielszene verpufft, wird der Zuschauer auf der Bühne durch den medialen Overkill überfordert: Zornige Volksmassen und ihre Verführer von Lenin bis Saddam flimmern in rasanter Schnittfolge über die Containerwand.
Die differenzierten Reaktionen der Soldaten, Sklaven, Kaufleute, Hausfrauen, auf die Brecht in seinem (kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verfassten und 1949 angesichts von Wiederbewaffnung und Koreakrise zur Oper umgearbeiteten) Hörspiel so stolz war, sind zu einem Stöhnchor eingeebnet oder gestrichen. Nur die breakdancenden Kinder werden per Computerspiel zu Kanonenfutter erzogen. Dann geht der Container auf. Lukullus, von einem Dummen August des Infotainments (cool verwahrlost: Markus John in sämtlichen Sprechpartien) offenbar wahllos aus dem Fernsehvolk gecastet, tritt ein in die silbern glitzernde Studiowelt: fünfzehn Minuten Fernsehruhm, die er in vollen Zügen genießt.
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