Jeder ein Ich, überlebensgroß
Es ist wie bei E. T. A. Hoffmann. Draußen herrscht miserables Wetter, der Regen fällt heftig und anhaltend, also bleiben die sechs Personen, die für diesen Moment ihres Lebens zusammengefunden haben, drinnen und beginnen, sich im Wohnzimmer Geschichten zu erzählen. Allein, der Schein trügt. Denn in der Wirklichkeit von «Diodati. Unendlich», der vom Theater Basel bestellten und aus der Taufe gehobenen Oper von Michael Wertmüller, ist es nicht wie bei E. T. A. Hoffmann, werden im Rahmen des witterungsbedingt erzwungenen Abends im Haus nicht die spannendsten Vorfälle zum Besten gegeben.
Es ist wie bei Dea Loher: Bei der 55-jährigen Dramatikerin aus Berlin geschieht so gut wie nichts. Die fünf Menschen um Lord Byron, die in der Genfer Villa Diodati festsitzen, stellen zwar fest, dass es unaufhörlich regnet, sie postulieren sogar, sich Geschichten zu erzählen, am liebsten recht grausige, zum Beispiel eine von Frankenstein, der tötet, was er liebt. Es kommt jedoch nicht dazu, denn in dieser kleinen Gesellschaft gilt das Interesse ausschließlich der Nabelschau. Jeder ein Ich, überlebensgroß – so wie es heute, in der Selfie-Zeit, die Regel ist. Wenn überhaupt etwas verhandelt wird, dann ...
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Opernwelt April 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Peter Hagmann
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Möchte uns John Neumeier «Orphée et Eurydice» heimlich als erste romantische Oper verkaufen? Die zentrale Bildfindung des Choreografen, der sich, leicht verfrüht, zum eigenen 80. Geburtstag Glucks Reformoper bescherte, gleicht mit Arnold Böcklins «Toteninsel» einer der zentralen Ikonen einer kunsthistorischen wie musikalischen Epoche – wovon der Komponist im...
