Imbroglio
Im heutigen Opernbetrieb ist es nicht mehr leicht, Regisseure zu finden, die für Sensation sorgen oder zumindest für einen Skandal. Für einen ehrenvollen, versteht sich! Für den neuen Hamburger «Fidelio» setzte Intendant George Delnon auf eine andere Lösung: Er hat das Stück selber in Szene gesetzt, als Bebilderung vager Ideen über das Werk, mit einem auf den Vorhang projizierten Leitgedanken: «Ich hatte einen Traum. Es war ein Alptraum. Ich wachte auf und alles war in Ordnung.
» Es ist der Satz eines Offiziers aus Heiner Müllers «Kentauren», für den das System der Staatssicherheit zu einem Teil seines Wesens wurde. Eine politische Allusion, die im Ungefähren der Andeutung, der flotten Assoziation bleibt.
Erst nach diesem «Denkanstoß» hebt Kent Nagano den Taktstock, aber nicht zur «Fidelio»-Ouvertüre, sondern zur dritten Leonoren-Ouvertüre, die, wie aus einem im Programmheft zitierten «Fidelio»-skeptischen Text von Günther Anders zu erfahren ist, durch die Botschaft der Oper verwässert wird. Widerspricht die Kunstgattung Oper, fragt Anders, nicht der «Botschaft» dieser Oper? Es ist eine jener typischen rhetorischen Fragen, mit denen Dramaturgen das kritische Bewusstsein zu fördern ...
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Opernwelt März 2018
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Jürgen Kesting
Alles auf einmal wollen. Alles ausprobieren. Warum nicht? Leben besteht daraus: schauen, was geht, mal vor, mal zurück. Erst recht auf der Opernbühne des Als-ob-Lebens. Im Speziellen: an der Oper Halle. Die Dramaturgin kündigt an, die «Aida» sei auch ein Experiment. Gefühle sollen in Wallungen geraten. Wohlige Vorfreude breitet sich aus, zumal hier, wo Florian Lutz...
Schaut man auf die Zahlen, die uns zum Thema «Besucherentwicklung» regelmäßig aus den Presseabteilungen bundesdeutscher Theater erreichen, scheint die Welt in bester Ordnung. Häufig werden da Rekordbilanzen präsentiert. Der Tenor beinahe aller für die Öffentlichkeit bestimmten Statistiken: Das Interesse ist enorm, Auslastung und Erlöse steigen.
Sieht man sich in...
In einem von der Materialästhetik getränkten Komponistenporträt aus den 1980er-Jahren heißt es lapidar: «Nein, Claude Debussy war kein Impressionist.» Eine Beurteilung, die im Gefolge der Serialisten einseitig den Ästheten der clarté und der mathématiques musicales hervorhob. Im Umkreis von Pierre Boulez wurde Debussy so gesehen, besonders mit...
