Im Niemandsland der Abstraktion
In Verdis «Nabucco» spielt das Volk die Hauptrolle, und Münchens Staatsopernchor bot eine überragende Leistung. Höhepunkt war der berühmte Gefangenenchor: eine herzergreifend subtile, warm und weich gesungene Interpretation. Hinter Maschendraht erinnerten die Choristen auch an die vielleicht erste Großtat des Regietheaters an der Bayerischen Staatsoper: Herbert Wernickes Inszenierung von Händels «Judas Maccabäus» im Jahr 1980. Dass einem in dieser Szene Wernickes Bild von auf die Deportation wartenden Juden einfiel, war wohl Zufall.
Denn Yannis Kokkos‘ Regie erwies sich weder als politisch noch als konkret-gegenwärtig. Abstrakt, überzeitlich wollte der Grieche die Geschichte der unterdrückten Hebräer und des größenwahnsinnigen Babylonier-Königs Nabucco erzählen. Dafür schuf er ein Bühnenbild aus perspektivisch verkürzten, horizontal und vertikal verschiebbaren, von innen leuchtenden Kästen, in denen man ein Dutzend anderer Opern spielen könnte. Licht-Designer Michael Bauer tauchte diese Kästen in Weiß, Rot und Gold, er war der eigentliche «Star» des Abends. Die Kostüme – schwarzer Anzug und Mantel, Leder, Stiefel, goldschimmernde Hemden – hatten den Charme einer beliebig ...
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153 Jahre moderte Charles Gounods zweite, 1854 uraufgeführte Oper «La nonne sanglante» («Die blutige Nonne») in den Archiven, ehe sie jetzt in Osnabrück der Vergessenheit entrissen wurde. Seinerzeit hatte der neue Direktor der Pariser Opéra das von seinem Vorgänger in Auftrag gegebene Werk abgesetzt, weil es durch die Verquickung von Elementen des Schauerdramas mit...
Man hätte schon gern gewusst, wie das klingt: Der Katastrophenakkord des Don Giovanni auf der E-Gitarre: herausgerissen aus klassischer Beschaulichkeit, hart hingefetzt, mit dem typisch wimmernden Nachhall? Hölle, Tod und Teufel? Leider erfährt man es nicht, denn der Typ, der mit Puderperücke und umgehängter Stratocast zu Beginn der Ouvertüre bei offenem Vorhang...
Manchmal braucht es eben den Impuls der Obrigkeit. Auch in künstlerischen Dingen. Die Uraufführung von Giovanni Pacinis «Alessandro nell’Indie» am 29. September 1824 in Neapel war ein fades Ereignis, jenseits von Reinfall und Glücksfall. Erst als König Ferdinand IV. bei der zweiten Aufführung den Applaus vorgab, entschied sich der Erfolg dieses Werkes. Noch in...
