Familienbande
Am 17. und 21. April wieder in Freiburg
Steh-Oper bei Calixto Bieito? Der frühe Giuseppe Verdi und «Jérusalem», seine erste Grand Opéra für Paris – ein kaum verkapptes Oratorium? Massen, die sich in Zeitlupe über die Szene verbreiten, in kaum merklicher Vorwärtsbewegung, sofern sie sich nicht ganz statuarisch geben?
Nein, darauf läuft es in Freiburg bei der französischen Fassung von Verdis vierter Oper «Die Lombarden» dann doch nicht hinaus. Zum sechsten Mal arbeitete Bieito am Anfang von Barbara Mundels letztem Intendantinnenjahr am Ort, und für seine Verhältnisse war ausgesprochen wenig Blut im Spiel.
Überhaupt kam es ihm in der zweiten deutschen Einstudierung dieser Fassung (nach Bonn, OW 3/2016) weniger auf die Heerscharen an, die da im dunklen Zwirn (Kostüme: Rebekka Zimlich) zu widerlicher Metzelei ins Heilige Land zogen. Wichtiger waren ihm offensichtlich die Zwistigkeiten bis hin zum Mordversuch im Umkreis des Grafen von Toulouse, den der Papst zum Obersten der französischen Kreuzzügler macht. Neid, Missgunst, Hass, Intrigen, Hinterhältigkeit, Gewalt und nochmals Gewalt – die gesamte menschliche Verwerflichkeit nimmt die Regie in den Blick. Man wird wieder der boshaften Freude inne, mit der ein Karl Kraus den doppelbödigen Begriff der «Familienbande» abschmeckte. Immerhin büßt der Grafenbruder Roger, der Schlimmste von allen, seine Untaten in der Haltung eines Gekreuzigten auf einem Kieselhügel ab (Bühne: Aida Guardia), nun als Heiliger verehrt. Mit einem der Steine kasteit sich schließlich die Grafentochter Hélène.
Gut? Schlecht? Das sagt sich, wie so oft bei Bieito, nicht im Handumdrehen. Wie so oft ist es ein Mix aus Obsession und Einfall – und auch einer aus Erhellung und Verrätselung. Vom schlichten Erzählen einer Handlung hält der spanische Regisseur auch diesmal nicht allzu viel. Der Graf kann auch dann nicht aufhören, seine Tochter zu bespucken, als wir seine Abneigung längst registriert haben. Sodann, auch das kommt bei Bieito häufig vor, Bilder, die haften: am Ende das bühnenhohe Konstrukt aus ineinander verschachtelten Metallzeilen. Wer sie zu entziffern sucht, findet Begriffe wie Seligkeit und Wahrheit. Wie Hohn erklingt über all der Zerstörung der Finalhymnus «Ehre sei Dir, o Gott des Sieges».
Die Verfeinerung in den Übergängen statt der Rezitative in den «Lombarden», die Fortschritte im Lyrischen, die gegenüber der früheren Version erleseneren Nuancen – das arbeitet GMD Fabrice Bollon so sensibel wie entschieden heraus: ein betont konzises, gestrafftes Musizieren, randscharf geschliffen und mit gepfefferten Tutti-Einschlägen. Bemerkenswert die Soli (Horn, Holzbläser) aus dem Freiburger Philharmonischen Orchester, glänzend Bernhard Moncados Chor.
Anna Jerucs Hélène ist eine vokale Sensation: ein ganz eigenes, leuchtendes Soprantimbre, rund, ausgeglichen in allen Lagen, mit dramatischen Höhenraketen und einem kostbaren, substanziellen Piano, dazu trittfest auf dem Parcours der Koloraturen. Giulio Pelligra gehört zu den Lyrikern unter den italienischen Tenören. Er hat indessen erhebliche Reserven in der Hinterhand und bietet in der berühmten, für Gilbert Duprez geschriebenen Passage in Richtung Hohes C eine Musterleistung. Er ist der Kreuzritter Gaston, dem besonders übel mitgespielt wird. Freiburgs immer gewinnenderer Hausbassist Jin Seok Lee fällt als erst fieser, dann reuiger Roger gegen die beiden Gäste nicht ab. Höchstens, dass sein markanter Stimmeinsatz etwas weniger differenziert und eine Spur rustikaler wirkt.
Befremdend ist allerdings, dass ausgerechnet ein französischer Dirigent den grenzwertig laxen Umgang mit der – gerade in der französischen Oper so konstitutiven – Sprache zulässt.
Verdi: Jérusalem
Premiere am 1. Oktober 2016
Musikalische Leitung: Fabrice Bollon
Inszenierung: Calixto Bieito
Bühne: Aida Guardia
Kostüme: Rebekka Zimlich
Licht: Dorothee Hoff
Chor: Bernhard Moncado
Solisten: Juan Orozco (Graf von Toulouse), Anna Jeruc (Hélène), Jin Seok Lee (Roger), Giulio Pelligra (Gaston), Andrei Yvan (Adhémar de Monteil), Kim Lillian Strebel (Isaure) u. a.
www.theater.freiburg.de
Opernwelt November 2016
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Heinz W. Koch
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