Editorial
In Krisenzeiten boomt die Sehnsucht nach Zerstreuung. Wenn die Börsenkurse in den Keller rauschen und ganze Staaten wanken, sollen nicht auch noch die schönen Künste den Lauf der Welt vorführen. Als in Frankreich das Zweite Kaiserreich verrottete, strahlte am Theaterhimmel Offenbachs Operetten-Feuerwerk. Während die k.u.k.-Donaumonarchie gerade ihre Zukunft verspielte, drehte sich Wien im Walzertakt der Strauß-Dynastie. Lehár, Kálmán, Benatzky & Co. feierten ihre größten Erfolge, als sich bereits die Kriegskatastrophen des 20. Jahrhunderts zusammenbrauten.
Je schwerer das reale Leben drückt, desto leicht(gewichtig)er ist das, was gut auf der Bühne läuft.
Solche Koinzidenzen kann man auch nach dem jüngsten Finanz-Crash beobachten. Da macht zum Beispiel TV-Entertainer Harald Schmidt (mit Kompagnon Christian Brey) an der Rheinoper in Düsseldorf aus der «Lustigen Witwe» eine flotte Revue: sinnfrei und unterhaltsam. In der «Süddeutschen Zeitung» verkündete er, was er unter bürgernahem (Musik-)Theater versteht: «Die Leute sind doch total bereit, sich emotional wegreißen zu lassen. Dieses ganze intellektuelle Getue ... strengt sie ja wahnsinnig an.» Westend und Broadway statt Regietheater ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
So recht hat das Publikum des deutschen Nationaltheaters vermutlich noch immer nicht begriffen, was für eine Sensation es in den letzten Jahren miterleben durfte. Zwar verrät die Biografie im Beiheft der neuen Weimarer «Rigoletto»-Produktion, dass der Titelheld der Aufführung diese Rolle inzwischen auch an der Met, in Los Angeles und in Wien singt oder singen wird...
In der Literatur über Puccini besteht Einigkeit darüber, dass seine zweite Oper «Edgar» misslungen ist. Der Komponist selbst sprach von einem «kranken Organismus». Nach dem
Erfolg, den sein Erstling «Le Villi» 1884 in einem kleinen Mailänder Theater hatte, erhielt er von Giulio Ricordi den Auftrag zu einer neuen Oper. Die Arbeit daran zog sich über vier Jahre hin,...
Er hat es wieder einmal geschafft: Ein Stück, das wir bis in die letzte Nuance zu kennen glaubten, gewinnt unter seinen Händen ein neues, aufregendes Gesicht. Dabei schien, was der ewig junge, in seiner Neugier nimmersatte Nikolaus Harnoncourt diesmal unter die Lupe nahm, von den bisherigen Brennpunkten seiner Forscherlust so weit entfernt wie nichts zuvor, die...
