Die künstliche Mutter
Diesem Gott darf man nicht trauen: Keine Heilsgestalt, sondern heimtückischer Anführer einer Sex-Sekte ist der Dionysos, der im bedrückten Theben auftaucht. Und der verheißungsvoll morgendämmernde Schluss von Hans Werner Henzes «Bassariden», seinem wohl bedeutendsten Bühnenwerk, markiert nichts anderes als den Wechsel von politischer Instabilität zur Grabesruhe einer Glaubensdiktatur. So sieht es zumindest Tilman Knabe, der mit der 1966 uraufgeführten Euripides-Oper an der Staatsoper Hannover für einen umstrittenen Saisonstart sorgt.
Dergleichen Testbohrungen nach tiefer gelegenen Sinnschichten sind natürlich erlaubt, und die verärgerten Buhrufer in der Premiere dürften sich weit weniger an dieser Umdeutung und der Verlagerung des Geschehens in die sechziger Jahre gestört haben als vielmehr an den Kopulationsorgien in Feinripp, zu denen der neue Sex-Guru das Volk animiert. Dieses folgt dem Aufruf zur Sünde ausgiebig. In der Zwischenzeit nimmt sich Dionysos den Thebanerkönig Pentheus vor, nachdem er ihn mit einem langen Kuss davon überzeugt hat, endlich einmal seine weibliche Seite auszuleben. Der König wird zur Drag Queen, die Bassariden mutieren zum tragischen Coming-Out-Drama ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Schon der Name «Neue Düsseldorfer Hofmusik» zeigt, dass man bei der Gründung des Barockorchesters im Jahr 1995 einen spezifisch lokalen Anknüpfungspunkt suchte. Man fand ihn in den Jahrzehnten um das Jahr 1700, als Düsseldorf für rund fünfunddreißig Jahre Sitz des pfälzischen Kurfürsten Johann Wilhelm («Jan Wellem») und eine der glanzvollsten deutschen...
Musikalisch, stilistisch und dramatisch hat Puccini in «Il trittico» drei verschiedene, in sich schlüssige Welten entworfen. Jeder dieser Einakter könnte auch ohne die beiden anderen bestehen. Ein Haus, das alle Stücke an einem Abend zeigt, lässt sich so auf eine künstlerische Herausforderung ein, die der einer «Ring»-Inszenierung kaum nachsteht. In Los Angeles...
Schon während der Orchestereinleitung, noch bevor Tatjana das erste Mal den Mund öffnet, beschleicht den Zuschauer die Ahnung, dass das, was er in den folgenden drei Stunden zu sehen bekommen wird, nicht viel mit der Geschichte zu tun hat, die Puschkin in seinem realistisch-satirischen «Roman in Versen» erzählt und die von Tschaikowsky in wissentlichem...
