Die Klassenkämpferin
Kaum ein Repertoire-Hit ist derart umstellt von Klischees wie «Carmen». An der Bonner Oper verweigert der junge Regisseur Florian Lutz jede Bilderbuch-Spanien-Folklore und spielt allenfalls ironisch aufs Lokalkolorit an, wenn er vereinzelt ein paar Volants und gepunktete Röcke aufblitzen lässt (Bühne und Kostüme: Andrea Kannapee). Stattdessen spitzt er das sattsam bekannte Geschehen auf originelle Weise politisch zu, indem er aus Carmen eine Klassenkämpferin macht, die ganz buchstäblich die Verhältnisse zum Tanzen bringt.
Zunächst sehen wir ein Wachhäuschen der Polizei, einen Zigarettenautomaten, hinten die Rückwand einer (Zigaretten?-)Fabrik mit metallenem Rolltor. In Jeans und Feinripphemd eckt Carmen nicht aus purer Streitlust mit einer Arbeiterkollegin an, sondern als Polit-Aktivistin. Nach der Zigarettenpause lässt sie einen Sprengsatz hochgehen, woraufhin sie festgenommen wird. Zuvor war bereits Karl Marx aufgetreten und hatte – augenzwinkernd – einiges zum Thema Entfesselung der Produktivkräfte vorgetragen. Und das bleibt nicht sein einziger Auftritt. Im zweiten Akt mutiert der schwafelnde Marx zum Gastwirt Lilla Pastia und hämmert zum Rhythmus der Kastagnetten auf eine rote ...
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Opernwelt Februar 2011
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Regine Müller
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