Demokratie der Erschöpfung
Sehnsucht nach den Sechzigerjahren. Als das Schlammtheater noch eine Botschaft war, als das Publikum mitmachen durfte und sich hinter jedem Experiment ein Tabu verbarg..: Herrlich war das! Verständlich daher, dass man Henri Pousseurs «variable Oper» mit dem Titel «Votre Faust» rund fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung noch einmal aufführt. Es ist eine der wenigen Opern mit «offener Form». Und offenem Ausgang.
Im Grunde handelt es sich im Berliner Radialsystem sogar um die Uraufführung des Werks in seiner originalen Intention.
1969 an der Piccolo Scala nämlich boykottierten die Schauspieler den offenen Schluss der Handlung, in welcher der Komponist Henri von einem Theaterdirektor den Auftrag für eine «Faust»-Oper erhält. Das Publikum, so wollen es Pousseur und sein Co-Librettist Michel Butor, darf über den Schluss der Sache demokratisch entscheiden. Also darüber, ob sich der Protagonist mit der naiven Maggie oder mit der verschlampten Greta (zwei Varianten des Gretchens) zusammentut. Und ob er den Faust-Pakt eingeht oder nicht.
Alles Mitmachtheater und demokratische Opern-Utopie. Nicht uninteressant! Niemand Geringeres als Pierre Boulez hatte Vorbehalte gegenüber Pousseurs Ausbruch ...
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Opernwelt Mai 2013
Rubrik: Magazin, Seite 82
von Kai Luehrs-Kaiser
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