Bildersturm im Oberstübchen
Die Verklärung der Heiligen hat eine lange und wechselhafte Geschichte. Als Ikone der Nation wurde sie in Frankreich nicht nur von Katholiken und Monarchisten, sondern auch von Republikanern und Sozialisten verehrt. Jeder pickte sich heraus, was zur eigenen politischen Agenda passte: Gottesfurcht, Frömmigkeit, Königstreue, Kampfesmut, Volksnähe – an den Mythos der Jeanne d’Arc, des taffen Bauernmädels aus Lothringen, das den Franzosen im Hundertjährigen Krieg einen wundersamen Sieg über die Engländer bescherte, kann jedes Lager andocken. Bis heute.
Derzeit wird die legendäre Gestalt vornehmlich vom Front National ausgeschlachtet, als Symbol eines heroischen Widerstands gegen die vermeintliche Überfremdung der Grande Nation. Die Schlacht um die Deutungshoheit über die Jungfrau von Orleans ist wieder einmal voll entbrannt.
Voltaires berühmte satirische Verarbeitung des Stoffes («La Pucelle d’Orleans») oder Schillers «romantische Tragödie», aus der Temistocle Solera das krude Libretto für Verdis «Giovanna d’Arco» schusterte, spielen dabei natürlich kaum eine Rolle. Umgekehrt sind die ideologischen Vereinnahmungen dieser Reizfigur, ihre zeichenhafte Überformung selten Thema, wenn sie es ...
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Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Albrecht Thiemann
«Begeisterung»? Zu wenig. Auch mit «Fanatismus, Enthusiasmus» komme man nicht weiter. Der Neffe versicherte dem Onkel, «dass keiner dieser Begriffe das Entzücken ausdrücken kann, das diese Musik erregt hat». Nun dürfte der Neffe nicht sonderlich objektiv gewesen sein: Vincenzo Bellini selbst war der Absender, und der Brief kreiste um seine gerade uraufgeführte Oper...
Es wäre ein bisschen zu einfach, wenn man sagen würde, dass «Il viaggio a Reims» und Christoph Marthalers Theaterästhetik gut zusammenpassen, weil die Menschen in Rossinis dramma giocoso auf eine Reise warten, die nie stattfindet, und weil Marthaler nun einmal der Regisseur ist, der aus dem Warten eine Kunstform gemacht hat. Nein, eigentlich war es ja der...
Eine Kunstdebatte tobt in Hannover – die «Freischütz»-Inszenierung des Dortmunder Schauspielchefs Kay Voges hat sie ausgelöst. Nach dem Buh- und Bravo-Orkan der Premiere ging es erst richtig los. Der kulturpolitische Sprecher der CDU-Ratsfraktion, Oliver Kiaman, rief den Kulturdezernenten zum Durchgreifen auf: Er solle «bei aller Freiheit der Kunst dafür Sorge...
