Europa, ein Saustall
Es wäre ein bisschen zu einfach, wenn man sagen würde, dass «Il viaggio a Reims» und Christoph Marthalers Theaterästhetik gut zusammenpassen, weil die Menschen in Rossinis dramma giocoso auf eine Reise warten, die nie stattfindet, und weil Marthaler nun einmal der Regisseur ist, der aus dem Warten eine Kunstform gemacht hat. Nein, eigentlich war es ja der konsequente und hellhörige Umgang mit Musik, der Marthaler Opernerfolge beschert hat – seit einem in seiner düsteren Klarheit unvergessenen «Pelléas» in Frankfurt (OW 8/1994).
Der Musiker Marthaler war dabei wichtiger als der kultische Langsamkeitskünstler, weil er Tempi für die Ohren und Tempi für die Augen immer wieder fein auseinanderdividierte. Und weil Anna Viebrocks Bühnenräume den ausnotierten Klangräumen auf eine sehr kreative Weise in die Quere kamen.
Überhaupt warten die Figuren bei Marthaler weniger, als dass sie etwas erwarten. Es geht nicht um ein Stilmittel, sondern um einen existenziellen Grundzustand. Warten heißt Erschöpfung, Hoffnung, Wiederholung – leere, manchmal aber auch erfüllte Dauer. Hier kann Musik ansetzen. Dazu kommt noch etwas anderes. Es gibt bei Marthalers Arbeiten eine «Zwischenidentität» (Patrick ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch
In Chicago bekommt man nicht übertrieben häufig neue Stücke vorgesetzt, ganz zu schweigen von solchen, die tatsächlich einen bleibenden Eindruck hinterlassen (wie etwa 1992 William Bolcoms «McTeague», definitiv ein repertoiretaugliches Werk). Entsprechend große Beachtung fand deshalb der erste Opernversuch des aus Peru stammenden Komponisten Jimmy López (*1978),...
Ich habe einen Hang zur Faulheit. Meine neueste Lebensentscheidung kann man deshalb nur als Irrsinn bezeichnen. Ich geb jetzt nämlich auch den Regisseur. Warum denn nicht? Zwei wichtige Voraussetzungen bringe ich mindestens mit: eine ordentliche Portion Arroganz und ein schrilles Outfit für die Premiere.
Vorgestellt hatte ich mir das folgendermaßen: Inspirierende...
Mit dem Schlagwort «Jahrhundertfigur» sollte man behutsam umgehen. Trotzdem fällt es schwer, bei Pierre Boulez nicht der Assoziation zu verfallen, hat er doch seit den 40er-Jahren vielfältig die Musikkultur beeinflusst, vorangetrieben, Ideal und Wirklichkeit auch politisch in Bewegung versetzt. Doch zur Galionsfigur taugt er nicht, hat dies sogar einmal...
