Aus dem Skizzenheft
Im Grunde genügt ein kurzer Blick ins Autograph, um zu verstehen, warum Franz Liszts unvollendete Oper «Sardanapalo» ihr Dasein lange Zeit nur als musikwissenschaftliche Fußnote fristete. Was der Komponist da in den späten 1840er-Jahren mit hellbrauner Tinte in sein Notizbuch schrieb, ist kaum mehr als ein ausgearbeitetes Fragment: Noten und Text sehen aus wie «gezeichnet», hier und da findet sich, in blauer Buntstiftfarbe, eine Notiz am Rand. Musikalische Ideen sind auf den 111 Seiten nur angedeutet, Liszts Handschrift ist entweder unleserlich oder voller Abkürzungen.
Generationen von Musikwissenschaftlern haben sich diese seit mehr als 100 Jahren im Weimarer Goethe-und-Schiller-Archiv gelagerten Entwürfe zu einem ersten Akt angeschaut – und sie bald wieder beiseite gelegt. «Sardanapalo» galt als zu lückenhaft, um ediert zu werden. Dass jetzt ein Musikwissenschaftler aus dem englischen Cambridge, David Trippett, genau das gewagt hat, ist allein deshalb schon eine kleine Sensation. Mitte August wurde seine «Bearbeitung», wie er die Orchesterfassung bescheiden nennt, durch die Staatskapelle Weimar unter Leitung von Kirill Karabits konzertant uraufgeführt. Rund 50 Minuten dauert das ...
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Opernwelt November 2018
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Hannah Schmidt
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Man schreibt das Jahr 2004, da suchte das Theater Heidelberg einen Generalmusikdirektor. Ein Hannoveraner überzeugte beinahe alle – nur das Orchester hielt ihn mit 24 Jahren für zu jung. Widerwillig billigte es dem Aspiranten eine Probe-Aufführung zu, «Tannhäuser». Er kannte das Stück als Korrepetitor, dirigiert hatte er es nicht. Und so betrat er am 3. Juni,...
