Zwischen Chip und Skriptorium
Das diesjährige «Internationale Festival für neues Musiktheater» in München war eine Jubiläums-Biennale. Nicht nur wurde mit mehreren Konzerten und einem Symposion der Gründer und langjährige Leiter Hans Werner Henze aus Anlass seines 80. Geburtstags am 1. Juli gefeiert.
Auch der künstlerische Ertrag konnte sich sehen und hören lassen: zwei herausragende, denkbar unterschiedliche Produktionen (die Scratch-Opera «Barcode» und «Gramma»), eine zumindest musikalisch und in ihrer szenischen Konzeption betörende Oper («La Philosophie dans le labyrinthe»), dazu eine etwas blutleere Science-Fiction-Roman-Adaption.
Science Fiction
Ausgerechnet zur Eröffnung zeigte Peter Ruzicka die schwächste Produktion: «Wir» nach Jewgenij Samjatins gleichnamigem prophetischen Roman von 1920. Es ist die Geschichte eines Mannes, der wie alle anderen Bürger in Samjatins «Einzigem Staat» als Nummer (D503) lebt. Auch sein Sexualleben ist strengen Regeln unterworfen, etwas so Anarchisches wie Gefühle kennt der Mann nicht mehr, bis mit 090 und I330 zwei Frauen in sein Leben treten und um ihn konkurrieren. Lange unterdrückte Empfindungen brechen sich Bahn, doch am Ende siegt der Staat: Mit der Hinrichtung von ...
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Herr Thielemann, brauchen wir nach der Kanon-Debatte in der Literatur auch eine vergleichbare Diskussion für die Musik?
Klassiker sind wie das tägliche Brot. Wir kämen nicht auf die Idee zu sagen: Ab morgen werden wir nicht mehr mit Wasser duschen, weil uns dieses Wasser nach Jahrtausenden jetzt auf den Senkel geht. Und so sehe ich das auch mit den Klassikern....
Auch das Publikum ist nicht mehr das, was es einmal war. Beispiel: Parma. In der Verdi-Hochburg übte es noch in den frühen sechziger Jahren mit gnadenloser Strenge sein selbst erteiltes Richteramt aus. Auch die Großen blieben nicht verschont. Rosanna Carteri etwa flüchtete sich während einer «Traviata»-Aufführung vor den Missfallenskundgebungen in eine Ohnmacht,...
In ihrer Neuinszenierung von Wagners «Tannhäuser» griffen Bühnenbildner Roland Aeschlimann und Regisseur Peter Beat Wyrsch auf das Konzept ihrer «Ring»-Deutung zurück. Aeschlimann hatte den Graben wieder überdeckelt, was nicht nur dem Klang des unter der Leitung von Rainer Mühlbach erstaunlich differenziert und tonschön spielenden Orchesters zugute kam, sondern die...
