Schach dem Mythos

Stuttgart | Gluck: Iphigénie en Aulide

Opernwelt - Logo

Agamemnon, der griechische Feldherr im Krieg gegen Troja, hat eine der Diana heilige Hirschkuh getötet. Die erzürnte Göttin verhindert daraufhin das Auslaufen der vor Aulis ankernden Flotte. Damit Agamemnon in den Krieg segeln kann, verlangt sie von ihm, seine Tochter Iphigenie zu opfern. Die ist der Sündenbock, der stellvertretend für alle büßt, ihr Opfertod reinigt die Gesellschaft. Zum Sündenbock-Modell gehört auch das Einverständnis des Opfers.

Diesen sakralen Schauder mildert schon die antike Mythologie, wenn die Göttin Iphigenie nach Tauris entrückt, erst recht die der aufklärerischen Rationalität verpflichtete Lösung, die Gluck und sein Librettist Du Roullet für ihre erste, 1774 in Paris uraufgeführte französische Reformoper «Iphigénie en Aulide» gefunden haben. Schach dem Mythos, sagt auch Andrea Moses, die das selten gespielte Stück jetzt in Stuttgart inszeniert hat. Aber ihr genügt nicht der Spruch des Oberpriesters Kalchas, der den Verzicht auf das Opfer verkündet. Gut ideologiekritisch sieht sie hinter dem kultischen Drama gewinnträchtige Wirtschaftsinteressen – der Afghanistan-Krieg lässt grüßen – und in Agamemnons Gegenspieler Kalchas (der wie ein islamistischer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2012
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Entwicklung ist alles

Es ist schon ein wenig kurios: In den 1970er-Jahren beschloss die English National Opera in London, dass es Zeit sei, den wilden Norden endlich zuverlässig mit Oper zu versorgen, und entsandte eine Expedition in die 450 000-Seelen-Stadt Leeds, um einen Außenposten zu gründen. Warum Leeds, nicht Manchester oder Liverpool? Dafür gab es mehrere Gründe: Ers­tens ein...

Nachtgedanken, Abschiedsstimmungen

«Die deutsche Sopranistin Anne Schwanewilms zählt zu den größten Strauss- und Wagner-Interpretinnen der heutigen Zeit» – so tönt es nicht nur im Booklet des «Orfeo»-Recitals, das die «Vier letzten Lieder» von Strauss mit Auszügen aus einigen seiner Opern verbindet, sondern auch auf der Home-page der Sängerin. Solche Superlative gehören heute zum Musik-Business,...

Vive la périphérie!

Erst kommt die Hauptstadt. Dann kommt erst mal gar nichts. Danach die Grande Nation. Und irgendwann der Rest der Welt – vielleicht. Ein bisschen Louis Quatorze und Napoléon Bonaparte, ein Hauch Sonnenstaat und Premier Empire steckt nach wie vor in den zentralistisch gepolten Köpfen der französischen Elite. Deshalb laufen auch mehr als zwei Jahrhunderte nach der...