Rieselnde Zeit
Die schwebende Kantilene des Vorspiels, mit der Verdi Liebe und Tod der Violetta auf den Plan ruft, lässt Daniel Barenboim von den vierfach geteilten Streichern fein schattiert auftragen. Und er fügt den Phrasen eine Emphase des Seelischen hinzu: So nachdrücklich im An- und Abschwellen der Töne hört man das Preludio selten. Auf der Bühne begibt sich währenddessen theatrale Empathie: Eine in Schwarz gehüllte Trauernde legt stumm eine weiße Blume auf die Bühne wie auf ein Grab.
Regisseur Dieter Dorn erzählt in zweieinviertel pausenlosen Stunden die Geschichte vom Lieben und Sterben einer Frau, beschwört den Mythos von der Vergänglichkeit des Lebens.
Ruckartig stürzt sich Verdis Musik nach dem Vorspiel in die rauschende Lustbarkeit des Pariser Salons der Violetta Valery. Der Staatsopernchor (Martin Wright) müht sich um Intonationsübereinkunft. Eine modisch eingekleidete Männergesellschaft und die in Abendroben aufgetakelte Damenwelt feiern eine eher genügsame Party (Kostüme: Moidele Bickel). Als Salon steht ein halbrunder schwarzer Raumzylinder mit Türen atmosphärelos zur Verfügung (Bühne: Joanna Piestrzynska). Das Ambiente wird zentral von einem mächtigen Spiegel beherrscht, dessen ...
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Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Wolfgang Schreiber
Auf das 24-Stunden-Spektakel hat er inzwischen keine Lust mehr. Alle vier «Ring»-Teile am Stück, zuletzt beim erfolgreichen China-Gastspiel im Herbst riskiert, das zehrt. Und trotzdem: Wagners Tetralogie, mit der einst alles begann im Dorf unterm Kranzhorn, bleibt das Rückgrat der Tiroler Festspiele. «Ich wäre doch ein idiotischer Intendant, wenn ich nicht darauf...
Zwei neue CD-Programme von zwei der besten Countertenöre unserer Tage mit Kompositionen aus dem 17. Jahrhundert. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Was Sängertypus, Konzeption und Interpretation betrifft, könnten die Produktionen kaum unterschiedlicher sein. Auf der einen Seite steht Max Emanuel Cencic, der mit knapp 40 Jahren schon zu den...
Eine Kunstdebatte tobt in Hannover – die «Freischütz»-Inszenierung des Dortmunder Schauspielchefs Kay Voges hat sie ausgelöst. Nach dem Buh- und Bravo-Orkan der Premiere ging es erst richtig los. Der kulturpolitische Sprecher der CDU-Ratsfraktion, Oliver Kiaman, rief den Kulturdezernenten zum Durchgreifen auf: Er solle «bei aller Freiheit der Kunst dafür Sorge...
