Reise ins Unbewusste
Die Gefühle stauen sich nachttief in diesem Kabinett manischer Depressionen. Mag die Musik noch so hellsichtig von geheimem Begehren erzählen, mag sie das entfremdende Spiel um Liebe, Geld und gesellschaftliche Anerkennung noch so klar aufdecken, für den tragischen Helden, der sich hier am Klavier, im Fauteuil oder auf dem Ball das wahre Leben herbeisehnt, kommt jede Hilfe zu spät. Er kann noch so viele Noten schreiben, sich noch so rückhaltlos mit seinen Bühnengeschöpfen identifizieren – er bleibt auf sich selbst zurückgeworfen.
Allein mit den schweren grünen Vorhängen, dem dunklen Holz und den Bücherwänden im weitläufigen Salon. Allein mit den über dem Kamin zum Ölporträt erstarrten Frauen, an die er sich vergebens zu binden suchte, um das Verbotene zu ersticken. Allein mit der Verzweiflung, der Scham, dem inneren Druck der homoerotischen Energien, die ihn treiben, drängen, beseelen.
Im Muziektheater am Waterlooplein ist das Spiel bereits in vollem Gang, bevor es eigentlich begonnen hat: Ein Herr in korrekt geschlossenem grauen Tuch betrachtet schüchtern, stumm einen Kerl, der mit blanker Brust im Sessel döst. Schlohweiß das Haar, der Bart, um Fassung ringend, mit fliehender ...
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Opernwelt August 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Albrecht Thiemann
«Wir sind Söhne und Töchter der Aufklärung, des Lichts, Söhne und Töchter der wunderbarsten Philosophen, die die Erde hervorgebracht hat, wir sind Söhne und Töchter Europas! Wir wollen heute ... unsere Helden begrüßen, die der Welt gezeigt haben, dass unsere Zivilisation sich nicht dazu hergeben wird, auch nur eines ihrer Kinder den Händen von Dunkelmännern zu...
Eine Fotoausstellung im Foyer stimmt auf die Aufführung ein: von Schrecken gezeichnete Gesichter, die an die Porträts von Häftlingen in deutschen KZs erinnern, Bilder von Hinrichtungen sowie Videos, in denen Gulag-Opfer von ihren Gerichtsverfahren berichten. Auf der dunklen Bühne des Theaters am Gleis in Winterthur nimmt der stumme Schrecken dann klingende Gestalt...
Anno 1899 stand Jules Massenet im Zenit seines Ruhms – und seiner handwerklichen Meisterschaft. Er hatte «Werther» in Wien herausgebracht und war mit «La Navarraise», einem Auftragswerk für London, auf der Verismus-Welle mitgeschwommen. Mit der Vertonung von Alphonse Daudets Roman über die Pariser Edelkurtisane «Sapho» wagte er sich an ein bewusst zeitgenössisches...
