Magisch gegenwärtig
Anno 1899 stand Jules Massenet im Zenit seines Ruhms – und seiner handwerklichen Meisterschaft. Er hatte «Werther» in Wien herausgebracht und war mit «La Navarraise», einem Auftragswerk für London, auf der Verismus-Welle mitgeschwommen. Mit der Vertonung von Alphonse Daudets Roman über die Pariser Edelkurtisane «Sapho» wagte er sich an ein bewusst zeitgenössisches Sujet, um anschließend mit dem Aschenputtel-Märchen einen Kennt-Jeder-Stoff anzugehen.
Massenets Manie, nach jedem Erfolg ein möglichst kontrastierendes Thema zu wählen, wirkt dabei fast wie eine Strategie, sich selbst nicht zu langweilen.
Die Entscheidung, den prince charmant in der «Cendrillon» mit einer Mezzosopranistin zu besetzen, war nicht nur eine Reverenz an die Hosenrollen des Rokoko, sondern wohl auch von dem Bedürfnis beflügelt, jene Sphären erotischer Ekstase zu meiden, für die er verehrt wurde, vornehmlich von in Korsetts eingeschnürten Bürgersgattinnen samt ihren Zimmermädchen. Stattdessen setzte der Komponist auf raffiniert-augenzwinkernde Parodien «alter» Musik von Rameau bis Mozart für die Sphäre des Hofes wie des häuslichen Umfelds Aschenputtels, während er es in den Feen-Szenen darauf anlegte, Gounods ...
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Opernwelt August 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Frederik Hanssen
Ein wenig muss man an die dekadente, mit Schmuck behängte Klytämnestra des Librettos denken, wenn man den Saal der Staatsoper Prag mit seiner Orgie goldüberzogener, spiegelglänzender Balkons betritt. In dem 1888 eröffneten Haus war die Dresdner Uraufführungsproduktion von 1909 schon ein Jahr später zu Gast, und nur ein Zerwürfnis des Intendanten Alfredo Neumann mit...
Obwohl man sie auch als Pamina auf der Bühne erleben oder mit Gershwin-Songs hören kann, ist die niederländische Sopranistin Johannette Zomer vor allem in der Alte-Musik-Szene bekannt geworden. Sie war an Ton Koopmans Gesamtaufnahme der Bach-Kantaten beteiligt, auch mit Philippe Herreweghe hat sie verschiedentlich zusammengearbeitet.
Auf ihrer neuesten CD widmet...
Angesichts des brandgefährlichen «patriotischen Frühlings», den Europas Rechtsaußen gerade feiern, denken wir an den Dichterfürsten. «Der Patriotismus», so Goethe, «verdirbt die Geschichte.» Verschließt die Augen. Verstopft die Ohren. Und Oscar Wilde formulierte, «patriotism is the virtue of the vicious», Patriotismus sei die Tugend der Bösartigen. Freilich, wenn...
