Zur Kenntlichkeit verfremdet?
Angesichts des brandgefährlichen «patriotischen Frühlings», den Europas Rechtsaußen gerade feiern, denken wir an den Dichterfürsten. «Der Patriotismus», so Goethe, «verdirbt die Geschichte.» Verschließt die Augen. Verstopft die Ohren. Und Oscar Wilde formulierte, «patriotism is the virtue of the vicious», Patriotismus sei die Tugend der Bösartigen. Freilich, wenn Patriotismus, Nationalismus nicht von Populisten auf der Straße, in Wirtshäusern und Kasernenhöfen hochgekocht, sondern von Kreativen, Künstlern, Intellektuellen zugerichtet wird, mag sich dies relativieren.
Als etwa im 19. Jahrhundert einige Nationen Mitteleuropas ihre spezielle Identität innerhalb des Habsburg-Imperiums zu finden suchten, bekam die Kunst, besonders die Musik, quasi einen Sauerstoffschub.
So auch Friedrich Smetana mit seiner ersten Oper, «Branibori v Cechách» (nach dem historischen Roman von Kajetán Tyl). Komponiert 1862-1863 anlässlich eines Preisausschreibens für die erste nationale tschechische Oper, verbeugt der Komponist sich dabei ohne Zweifel vor Wagner und auch vor Verdi; die erste Szene im zweiten Akt birgt einen deutlichen Hinweis auf den fast ein Vierteljahrhundert älteren «Nabucco» und dessen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Gerhard Persché
Vielleicht hat die Arie der Rezeption fast geschadet: Die Auskopplung von «Rachel, quand du Seigneur», die Beförderung zu einem der Opernhits des 19. Jahrhunderts, raubte der Figur des Eléazar im allgemeinen Bewusstsein entscheidende Facetten. Ein Verzweifelter? Ein grundlos Ausgestoßener, der am Rand von Fassung und Leben seinen Gott um letzte Hilfe anfleht? Die...
Der Siegeszug von Martinus «Juliette» auf deutschen, österreichischen und Schweizer Bühnen – mal abwarten, ob er anhält – ist verdient und überfällig. Dass nach der alten tschechischen Gesamtaufnahme unter Jaroslav Krombholc (aus den 1960er-Jahren) nun schon der zweite Mitschnitt der deutschsprachigen Fassung veröffentlicht wurde, ist freilich dem Ehrgeiz der...
Für Helmut Krausser, den Librettisten, ist er schlicht «der Mann, der alles wissen wollte»: Anasthasius Kircher (1602-1680). Ein universalgebildeter Jesuit, der aus der Rhön stammte und in Rom unermüdlich nach Wegen suchte, den Dingen auf den Grund zu gehen. Kircher beschäftigte sich mit Mathematik, Medizin, Musik, Astronomie, Biologie und Akustik, er analysierte...
