Posttraumatisch
Es wird nie Tag in Roland Schwabs «Otello»-Welt. Was daran liegt, dass wir uns, in Piero Vinciguerras kalten Bildern, wohl im Kopf dieses Mannes befinden, von dessen Untergang wir Zeugen werden. Und in diesem Kopf herrscht Dunkelheit. Die Diagnose aus dem Parkett, wohl auch des Regisseurs, lautet: posttraumatische Belastungsstörung. Zypern liegt hier in Vietnam, es wird mit chemischen Waffen hantiert, Napalm, Agent Orange vielleicht.
Der strahlende Kriegsheld General Otello ist ein Verwundeter von Anfang an, ein schwer Gestörter, da kann er sich noch so breitbeinig aufbauen in seinen Kampfhosen. Bei dem tenoralen Kraftpaket Gaston Rivero muss man sich wenig sorgen um die hohen Töne di petto, aber es tönt auch etwas hohl – und niemals zart. Spätestens als er beim Empfang der Gesandtschaft seine Frau misshandelt und in der Gegend herumballert, weiß man Bescheid. Da hat nun Jago leichtes Spiel, und Nikoloz Lagvilava triumphiert schon im ersten Augenblick, fäusteballend, händereibend, schenkelklopfend. Er wird am Ende sogar einen großen Abgang haben. Er müsste dafür nicht der Grundböse sein, als den Shakespeare und das Gespann Boito/Verdi ihn zeigen, er braucht gar keine ...
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Opernwelt April 2019
Rubrik: Panorama, Seite 33
von Holger Noltze
Es ist wie bei E. T. A. Hoffmann. Draußen herrscht miserables Wetter, der Regen fällt heftig und anhaltend, also bleiben die sechs Personen, die für diesen Moment ihres Lebens zusammengefunden haben, drinnen und beginnen, sich im Wohnzimmer Geschichten zu erzählen. Allein, der Schein trügt. Denn in der Wirklichkeit von «Diodati. Unendlich», der vom Theater Basel...
Irgendjemand muss die Sache ausgepackt haben. Ganz vorsichtig, so wie es die Schriftzüge auf den Kulissenteilen («Fragile», «Handle with care!») empfehlen. Auch weil man dem Stück ja nicht mit der Pranke beikommen kann: Jules Massenets «Werther» ist ein Drama aus dem Reich der Zwischentöne, eine Studie der feinnervigen, mal eindeutigen, mal kaum wahrnehmbaren...
Wer die Spielpläne deutschsprachiger Opernhäuser studiert, kommt um eine Erkenntnis nicht herum: Der Kanon der aufgeführten Werke ist relativ eng bemessen. «Die Zauberflöte», «Aida», «La traviata», «La Bohème», es sind die ewigen (Kassen-)Schlager, die angesetzt werden, meist mit Aussicht auf einigermaßen gefüllte Säle. Business as usual. Mit erwartbaren...
