Jeder ein Ich, überlebensgroß
Es ist wie bei E. T. A. Hoffmann. Draußen herrscht miserables Wetter, der Regen fällt heftig und anhaltend, also bleiben die sechs Personen, die für diesen Moment ihres Lebens zusammengefunden haben, drinnen und beginnen, sich im Wohnzimmer Geschichten zu erzählen. Allein, der Schein trügt. Denn in der Wirklichkeit von «Diodati. Unendlich», der vom Theater Basel bestellten und aus der Taufe gehobenen Oper von Michael Wertmüller, ist es nicht wie bei E. T. A. Hoffmann, werden im Rahmen des witterungsbedingt erzwungenen Abends im Haus nicht die spannendsten Vorfälle zum Besten gegeben.
Es ist wie bei Dea Loher: Bei der 55-jährigen Dramatikerin aus Berlin geschieht so gut wie nichts. Die fünf Menschen um Lord Byron, die in der Genfer Villa Diodati festsitzen, stellen zwar fest, dass es unaufhörlich regnet, sie postulieren sogar, sich Geschichten zu erzählen, am liebsten recht grausige, zum Beispiel eine von Frankenstein, der tötet, was er liebt. Es kommt jedoch nicht dazu, denn in dieser kleinen Gesellschaft gilt das Interesse ausschließlich der Nabelschau. Jeder ein Ich, überlebensgroß – so wie es heute, in der Selfie-Zeit, die Regel ist. Wenn überhaupt etwas verhandelt wird, dann ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Peter Hagmann
Nach «Celan» (2001) und «Hölderlin» (2008) hat Peter Ruzicka auch in seinem jüngsten Bühnenwerk mit dem jüdischen Philosophen und Schriftsteller Walter Benjamin das Schicksal einer exemplarisch an Deutschland zerbrochenen Existenz ins Zentrum gestellt. Yona Kims Libretto fokussiert ihn am point of no return: dem spanischen Grenzort Portbou, wo Benjamin auf der...
Eine klaustrophobische Atmosphäre liegt über dem engen Hinterhof mit seinen verwaschenen Mauern und verwitterten Fensterläden. Regisseur Urs Häberli verlegt die Handlung von Janáčeks «Jenůfa» in ein beengtes Kleinstadtmilieu. Die Bewohner leben Tür an Tür; nichts von dem, was auf dem Hof vor sich geht, bleibt verborgen, stets ist ein Beobachter präsent, schier...
Herr Lazar, Sie sollen sich bereits im Alter von elf Jahren mit der Gestik und Deklamation im Barocktheater beschäftigt haben. Was um Himmels willen bringt ein Kind dazu, sich für so etwas zu interessieren?
Die Begegnung mit einer Französischlehrerin namens Isabelle Grellet, die ebenso begeistert vom Theater war, wie sie ihre Schüler dafür begeistern konnte. Ich...
