Norbert Abels: Ohrentheater. Szenen einer Operngeschichte
Was ein Dramaturg ist und was er tut, kann an verschiedenen Theatern durchaus verschieden sein. Im schlimmsten Fall ist er ein gnadenlos überqualifizierter Sklave des Regisseurs: Zigarettenholer, Protokollant, Stichwortgeber. Am Ende soll er dann, möglichst billig (sprich: um Autorenrechte unbesorgt), Texte für das Programmheft zusammenstellen.
Im besten Fall ist er das mentale Zentrum eines Probenprozesses: besser informiert über das Stück als alle anderen, sensibel auf die Balance zwischen Musik und Szene achtend, sachgerecht jeden Probenknatsch schlichtend, Gravitationszentren des kreativen Werdens ortend und ausbauend. Am Ende darf er dann ein Programmbuch formen, das sofort zur Standardliteratur über ein Stück avanciert (und von weniger glücklichen Dramaturgen als Steinbruch benutzt wird). Es gibt Intendanten, die sich grundsätzlich schwache Dramaturgen ins Haus holen, weil sie selbst verkappte Dramaturgen sind. Und es gibt Generalmusikdirektoren, die nicht einmal den Namen des Dramaturgen wissen, weil sie glauben, es stehe sowieso alles in den Noten. Ein saures Amt, und heut’ zumal... Aber das muss nicht so sein.
Die Stückanalyse, die ein guter Dramaturg vornimmt, ...
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Es las sich wie eine Verheißung: «Lucia di Lammermoor» ungekürzt, mit neu durchdachten Verzierungen; die Wahnsinnsszene nicht wie üblich als Duett zwischen Flöte und Sopran, sondern mit Glasharmonika (wie von Donizetti vorgesehen). Dazu eine Begegnung der überfälligen Art: Belcanto meets Regie. Und Ensemblegeist. Kein Bahnhof herumreisender Kehlkopfakrobaten, keine...
In seinem autobiografischen Rückblick hat Carl Orff mit der ihm eigenen Nüchternheit über «Gisei» den Stab gebrochen und das Werk an den Beginn seiner «jugendlichen Schiffbrüche» gestellt. Was ihn 1913 bewog, den Einakter zu schreiben, war der Versuch, zwei Strömungen der Zeit – Debussys Revolutionierung der Musik und die Faszination durch das japanische Theater –...
Mescalina ist längst tot. Da schneidet ihr Nekrotzar in Calixto Bieitos blutigem Freiburger «Grand Macabre» noch ein Ohr ab und steckt es in den Mund. Eine fast identische Szene hatte es wenige Wochen zuvor mit anderen Beteiligten in Bieitos Basler Inszenierung von Janáceks «Aus einem Totenhaus» gegeben. Dort trug der Lageraufseher einen Pelzmantel, den man bereits...
