Öde kleine Welt
Mescalina ist längst tot. Da schneidet ihr Nekrotzar in Calixto Bieitos blutigem Freiburger «Grand Macabre» noch ein Ohr ab und steckt es in den Mund. Eine fast identische Szene hatte es wenige Wochen zuvor mit anderen Beteiligten in Bieitos Basler Inszenierung von Janáceks «Aus einem Totenhaus» gegeben. Dort trug der Lageraufseher einen Pelzmantel, den man bereits in der «Lulu» am gleichen Haus gesehen hatte. Auch dort führte der Katalane Regie. Es scheint, als würden Bieito allmählich die Ideen ausgehen – anders kann man die Zweitverwertung szenischer Details wohl kaum deuten.
Aber auch im Großen wiederholt sich der Regisseur. Sein Musiktheater ist eindimensional. Es sucht die menschlichen Abgründe – und verstärkt sie. Dabei zoomt es unappetitliche Details so nah heran, dass man irgendwann den Geschmack am Ganzen verliert. Nichts wird angedeutet – alles ist möglichst grell ausgemalt. Eigentlich ist es eine kleine Welt, die der Regisseur auf die Bühne bringt.
Der Abend in Freiburg beginnt stark. Überall hängen Holzkreuze auf der in grünes Licht getauchten, nebligen Bühne von Rebecca Ringst. Eine Rampe windet sich in den Theaterhimmel – Pieter Brueghels Gemälde «Der Turmbau zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Darf man? Muss man? Braucht «Moses und Aron» den dritten Akt – oder ist er überflüssig wie ein Kropf? Fast zwei Jahrzehnte hatte Arnold Schönberg sich vergebens damit abgeplagt, einen Schluss für sein Opus magnum zu finden, und seine Witwe stellt im Nachwort zum Klavierauszug des zweiaktigen Torsos fest: «Wie es ist, so hat es sein sollen». Zoltán Kocsis, Komponist...
In Bologna führte uns Regisseur Gabriele Lavia eine Salome in Unschuldsweiß vor, mädchenhaft und zart. Wenn Jochanaan sie als «Tochter Babylons» und «Tochter Sodoms» beschimpft, klingt das hier wie die Tirade eines engstirnigen Apostels. Die Sopranistin Erika Sunnegårdh spielte die Rolle überzeugend, sie kann sich auf Zehenspitzen bewegen wie eine Ballerina und...
Von allen großen Opern, die das Etikett «Komödie» tragen, dürfte Gaetano Donizettis «Don Pasquale» die melancholischste sein. Gefährlich dünn ist in dem 1843 uraufgeführten Werk der Firnis der Lustigkeit; am Ende bleibt von dem Versuch des alten Mannes, Leben und Jugend nachzuholen, nur ein bitteres «zu spät». Im Opernhaus merkt man davon leider meist nichts: Statt...
