Lust und Verlust
Und wieder kommt uns bei «The Rape of Lucretia» der sarkastisch-sexistische Aphorismus Georg Christoph Lichtenbergs über die «Ehre der Frauenzimmer», die, pardon, «nur einen halben Zoll vom Arsche abliegt» (Zitat aus Lichtenbergs «Sudelbüchern»), in den Sinn. Zwar weit weniger sudelig, aber dennoch merkbar scheint dies auch über Benjamin Brittens zweiter Oper zu schweben. «In the forest of my dreams you have always been the tiger», wirft Lucretia (hier in Person der ausdrucksstarken Sarah Connolly) ihrem Vergewaltiger Tarqinius entgegen.
Ein Raubtier, das Schrecken, zugleich aber auch erotische Faszination verbreitet. Freud hätte seine Freude gehabt. Fördert das Stück etwa das dumme Klischee, tief im Inneren wünsche sich jede Frau ihre Vergewaltigung?
Die Titelfigur entleibt sich schließlich – auch aus Scham über diesen geheimen Wunsch? –, und der Male Chorus (John Mark Ainsley) kommentiert es mit christlich-paulinischer Moral, ohne den Female Chorus (Orla Boylan) überzeugen zu können. Regisseur David McVicar suchte die Problematik in seiner Inszenierung von 2001 an der English National Opera (die in einer Aufführung vom Aldeburgh Festival aus dem gleichen Jahr jetzt auf DVD ...
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Opernwelt Mai 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 30
von Gerhard Persché
Nach dem Konsens der Spätmoderne, den Thomas Macho in seinem Buch «Todesmetaphern» formuliert hat, können wir uns vom Tod kein Bildnis machen und über ihn nicht reden. Wer redet, lebt noch; die Toten aber schweigen. Und aus dem Land, aus dem noch niemand je zurückgekehrt ist, gibt es keine Bilder. Da klingt es nach Widerstand gegen denkerische Diktate, wenn die...
Nicht schon wieder, möchte man auf den ersten Blick sagen. Nicht schon wieder dem Theater beim Erschaffen der Illusion zusehen müssen. Nicht schon wieder diese Versuchsanordnung zum Thema «Wie fülle ich eine leere Bühne». Aber erstens passt zu einer Oper nach Shakespeare diese elisabethanische Purheit. Zweitens hat Regisseur Michiel Dijkema an diesem Hause schon...
Für die vier «Klassiker» der tschechischen Musik war die Oper kein Nebengleis. Das immerhin haben Bedrich Smetana, Antonin Dvorák, Leos Janácek und Bohuslav Martinu gemeinsam. Smetana, der Älteste, figuriert als Schöpfer der tschechischen «Nationaloper» – zum Teil späte Selbststilisierung, zum Teil von der Nachwelt erteiltes Attribut. Eine gewisse Berechtigung...
