Leinwandmärchen
Jules Massenets «Conte de fées», seine Lesart also des über das Aschenbrödel-Märchens, wird selten gespielt. Wie Rossini in der ungleich populäreren Version «La Cenerentola» setzt auch Massenet in seiner 1899 uraufgeführten Märchenoper die ekstatischen Traumbilder von Cendrillon und ihrem Märchenprinzen – im französischen Original «Le Prince Charmant» – in einen musikalischen Kontrast zur realen, karikierten Familienwelt wie der steifen Welt des Hofs.
Roman Hovenbitzer hatte für seine Inszenierung in Münster, angeregt durch Woody Allens Film «The Purple Rose of Cairo», den überzeugenden Einfall, für diesen Gegensatz von prosaischer Wirklichkeit und illusionistischer Realitätsflucht ein heutiges Pendant zu finden – die Traumfabrik des Kinos. Wenn sich der Vorhang öffnet, blicken wir in einen vollbesetzten Saal, in dem Cendrillon als kleine, unter dem Regiment ihrer bösen Stiefmutter leidende Putzkraft gerade das Ende eines Stummfilms über ihre eigene Geschichte sieht.
Hovenbitzer behält diesen Rahmen, leicht abgewandelt im königlichen Palast des zweiten wie in der Winterlandschaft des dritten Akts, für alle Bilder bei. Aus der Kinoleinwand treten die als Schneekönigin im weißen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Uwe Schweikert
Zuerst ist alles wie immer im Wuppertaler Opernhaus. Der Nierentisch-Charme im Foyer bezaubert durch seine Sterilität, der Sekt ist süß und das Foyer-Team freundlich – nur dass sich diesmal einige junge Leute in schwarzen T-Shirts mit der Aufschrift «Support Team» untergemischt haben. Unterstützung beim Klettern, Mitspielen, Singen? So viel wird vom Publikum nicht...
Natürlich haben die Großen der Musikwissenschaft sein «Ave Maria» verachtet. Was Charles Gounod da mit seiner 1854 veröffentlichten «Méditation sur le célèbre prélude de Bach» gemacht hat, ist purer Kitsch, die Versetzung des Gebets in die Sphäre der Salonmusik, rügt Carl Dahlhaus. Theodor W. Adorno nennt das Stück in seinen «Musikalischen Warenanalysen» gar eine...
Die Vorstellung ist, horribile dictu, absurd. Ewige Nacht. Es wäre ein Leben ohne Licht, ein Dasein im Dunkel, hoffnungslos-haltlos. Doch kaum vernimmt man die ersten Töne aus Robert Johnsons «Care-charming sleep», hat man die Sorgen schon vergessen. Ein ätherisches Wesen scheint, von irgendwoher, das Wort an uns zu richten. Und so organisch, so rein und...
