Schläft ein Lied in allen Dingen
Natürlich haben die Großen der Musikwissenschaft sein «Ave Maria» verachtet. Was Charles Gounod da mit seiner 1854 veröffentlichten «Méditation sur le célèbre prélude de Bach» gemacht hat, ist purer Kitsch, die Versetzung des Gebets in die Sphäre der Salonmusik, rügt Carl Dahlhaus. Theodor W. Adorno nennt das Stück in seinen «Musikalischen Warenanalysen» gar eine «seichte Form der Pornografie»: Sinnlichkeit werde hier notdürftig mit Religion bemäntelt, zur niederen Triebbefriedigung des bürgerlichen Publikums: «Das Kleid, das in den Himmel trägt, lässt den Schenkel frei.
»
Und doch ist dieses «Ave Maria» die bis heute beliebteste Komposition Gounods. Und Prototyp seines Stils: In dem kurzen Werk verdichtet sich all das, was den vor 200 Jahren geborenen Franzosen ausmacht. Die Fähigkeit nämlich, zarte, sehr private Empfindungen in eine Musiksprache zu fassen, die den Zuhörer unmittelbar erreicht. Es sei denn, siehe oben, er wehrt sich aus ideologischen Gründen dagegen. «Die Gründe, im Gedächtnis der Menschen fortzuleben, sind vielfältig und nicht immer bedeutend», hat der sonst so strenge Claude Debussy 1906 über Gounod geschrieben. «Einen großen Teil seiner Zeitgenossen angerührt ...
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Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Magazin, Seite 74
von Frederik Hanssen
Das Lob des Herrn hat viele Gesichter. Es kann demütig sein, erhaben frohlockend, schlicht-eingängig. Aber es kann auch so sein wie hier: überschäumend, vital, ja beinahe ausgelassen. Antonio Vivaldis «Gloria», mit großer Wahrscheinlichkeit anlässlich Venedigs Sieg gegen die Türken anno 1716 komponiert, sprüht vor diesem erquickenden Geist, der geistliche Würde mit...
In der einen Hand halte sie die Giftphiole, in der anderen den Dolch. Viel mehr, so bedauerte Ferdinand Gregorovius im vorvergangenen Jahrhundert, habe die Historie über Lucrezia Borgia leider nicht zu sagen. Späte Amtshilfe bekam der deutsche Antikenkenner vom Musiktheater, wo ein Donizetti seine Antiheldin in irritierend mitleiderregende Klänge kleidete.
Man...
«Opera Ireland ist eingegangen,» schrieb Michael Dervan 2010 in seinem Abgesang in der «Irish Times», als die gebeutelte Kompanie nach 69 Jahren endgültig einbrach – um gleich eine pikante Frage anzufügen: «Und was ist mit der neuen Irish National Opera, die Kunstminister Martin Cullen auf den Plan gerufen hat [...]? Tja. Tun wir das Undenkbare im aktuellen Klima:...
