Läuterung
Der Liebhaber, ein Bariton? Da ahnt der Opern-Fan: Das kann nicht gutgehen. Und er hat recht. Denn erst will sie, aber er nicht – dann er, aber da ist sie mit ihren Gedanken und Gefühlen längst in höhere religiöse Gefilde entschwunden. Was im Finale ein wundersam hoffnungsloses, fast surreales Anti-Liebesduett ergibt. Daneben bietet Massenets «Thaїs», in der Mitte seines umfangreichen Opernschaffens angesiedelt, aber auch jede Menge anderer entdeckungswürdiger Kostbarkeiten.
Da ist vor allem die orientalisch schillernde Farbigkeit der mit Raffinement gehandhabten Instrumentation. Da ist aber auch die einschmeichelnde Melodik, gipfelnd in der verführerisch-sinnverwirrenden Méditation, dem Zwischenspiel zwischen dem ersten und zweiten Bild des zweiten Akts. Thomas Mann, in dessen Geburtsstadt die Aufführung ja stattfand, würde sie wegen ihres hohen Grades an Emotionalität «politisch verdächtig» nennen. Regisseur Marc Adam benutzt sie in seiner klar strukturierten Inszenierung als Begleitmusik für den symbolischen Akt der Läuterung der Titelheldin. In einer Art Taufzeremonie tut sie ihr bisheriges sündiges Leben ab, um sich ganz dem religiösen Dienst zu weihen.
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Opernwelt Juli 2013
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Gerhart Asche
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