Kein Wunder
Der Mann ist nicht totzukriegen. Eigentlich sollte nur seine Stimme aus dem Sarg ins Diesseits hinübertönen, aber in Yona Kims «Parsifal»-Inszenierung am Staatstheater Braunschweig ist Titurel quicklebendig. Festen Schrittes folgt er seinem wundgeplagten Sohn. Er verpasst Amfortas sogar eine Ohrfeige, als der sich ziert, das Ritual der Gralsenthüllung zu vollziehen. Schließlich verliert der vitale Greis die Geduld und reißt selbst das Tuch von der Reliquie.
Wenn Amfortas dabei schmerzgekrümmt zu Boden geht, versteht man endgültig, dass es in diesem «Parsifal» nicht um die Macht des Wunders geht, sondern um die Last der Vergangenheit.
Die südkoreanische Regisseurin distanziert sich in Braunschweig entschieden vom Pomp kunstreligiöser Anwandlungen. Entsprechend profan ist auch das Einheitsbühnenbild von David Hohmann: ein aus schwarzen Platten zusammengesetzter Quader. Das Anti-Auratische ist Programm – selbst der Gral entpuppt sich als Miniaturausgabe des schlichten Bühnenraums. So ist es nicht erstaunlich, dass sich am Ende niemand für das Heiligtum interessiert. In Dunkel getaucht, wie vergessen steht der Würfel am Bühnenrand, während das Volk sich zu den rauschhaften Schlusstakten ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2013
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Stefan Arndt
Einst wurden im Musikunterricht die «deutschen Nationalopern» vermittelt: «Zauberflöte», «Fidelio», «Freischütz», «Meistersinger». Gemeinsam ist ihnen die alles entscheidende Prüfung, Bewährung, Probeschuss und -singen. Zudem sind sie, mit Ausnahme Wagners, «Singspiele»: Das gesprochene Wort gilt. Als Opern-Kanon-Gepäck des Bildungsbürgers hatte das Gewicht. Doch...
Herr Fagioli, als «Artaserse» von Leonardo Vinci auf CD erschien, sagte Philippe Jaroussky, die wahre Sensation der Aufnahme werde nicht er selbst, sondern Franco Fagioli sein. Sind Sie ein Überflieger?
Das ist ein tolles Kompliment! Dabei bin ich fast vor Schreck gestorben, denn ich musste neben vier weiteren Countertenören bestehen: Philippe Jaroussky, Max Emanuel...
Riccardo – Gustavo III.? Renato – Graf Anckarström? Verdis «Maskenball» kursiert auf den Bühnen in zwei Fassungen: der «Bostoner», die die römische Zensur 1858 schließlich zuließ. Und die der – ursprünglichen – «Schwedischen», die die Intrigen um und den Mord am Schwedenkönig Gustav III. thematisierte. Dass Regisseur Aron Stiehl am Badischen Staatstheater sich für...
