Intensitäten
Wie groß die Macht des Heiligen sei? Wir wissen es nicht. Dass sie aber in weiten Teilen der westlichen Welt als zumindest gebrochen erscheint, ist, wie es Hans Joas in seiner gleichlautenden Studie beschreibt, als Zeitdiagnose nicht allzu gewagt – die Wirklichkeit, wie auch immer sie angeschaut wird, lügt kaum. Aber, und das ist das Schöne: Man kann ihr entkommen, indem man ausweicht ins mythisch-religiöse Feld, dorthin, wo Erlösung noch ohne pejorative Kontextualisierung auskommt.
Wie etwa in Stockhausens «Inori», das neben Abel Gances Stummfilm «J’accuse» mit der Musik von Philippe Schoeller ein Lichtpunkt des Musikfests Berlin war. Oder beispielsweise bei Richard Wagner, insbesondere in seinem «Parsifal».
Anlässlich des kleinen Wagner-Jubiläums 2003 hatte Claudio Abbado – dem Vorbild des Meisters folgend – Auszüge aus dem dritten Akt des Bühnenweihfestspiels zu einer Suite gebündelt und sie mit dem Vorspiel zum ersten Aufzug kombiniert. Beim diesjährigen Musikfest war es Robin Ticciati vorbehalten, diesen «Readers Digest» mit seinem Deutschen Symphonie-Orchester vorzustellen, in einer fein ausgehörten, transparenten, zugleich verdichteten Interpretation, die das ...
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Opernwelt November 2018
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Jürgen Otten
Im Grunde genügt ein kurzer Blick ins Autograph, um zu verstehen, warum Franz Liszts unvollendete Oper «Sardanapalo» ihr Dasein lange Zeit nur als musikwissenschaftliche Fußnote fristete. Was der Komponist da in den späten 1840er-Jahren mit hellbrauner Tinte in sein Notizbuch schrieb, ist kaum mehr als ein ausgearbeitetes Fragment: Noten und Text sehen aus wie...
Der 11. Mai 1946 ist in den Annalen der Mailänder Scala ein in dreifacher Hinsicht bemerkenswertes historisches Datum: Das im Krieg schwer zerstörte Theater wurde nach dem Wiederaufbau neu eröffnet, Arturo Toscanini, Italiens größter Dirigent und eine Symbolfigur des Antifaschismus, kehrte nach langer Abwesenheit an die Stätte seines früheren Wirkens zurück, und...
Coraggio! So würde man wohl südlich der Alpen konzis ausrufen angesichts eines radikalen Saisonstarts, wie ihn die Oper Frankfurt, frisch akklamiertes «Opernhaus des Jahres», hingelegt hat. Zwei Premieren binnen Wochenfrist, mit zwei zeitgenössischen Stücken, die meilenweit abseits der kanonischen Sicherheitszone liegen, in zwei eigenwillig-entschiedenen...
