In höchster Ergriffenheit
Ein Schluss, wie er im Buche steht. Längst haben Hagens Mannen Siegfrieds Katafalk aus Stühlen aufgeschichtet, als Brünnhilde erscheint, das Gesicht unterm Witwenschleier verhüllt und ein Flämmchen tragend, als wär’s das der Freiheitsstatue. Selbst wenn sie sich am Ende nicht aufs hohe Ross schwingt, scheint das ganze Theater unter ihren Füßen zu entflammen. Wüstes Gedünst steigt aus der Tiefe. Zurück bleibt ein rot glühendes Dampfgewölk, das den Raum füllt bis hoch zu den beiden Proszeniumslogen, wo zwei von Panthern gezogene Siegeswagen vergebens ein Startzeichen erwarten.
Doch noch ist die neue Zeit nicht angebrochen. Kaum sichtbar sinkt weit abgeschlagen auf der Bühne Wotan zeitlupenartig zu Boden, während vorne an der Rampe die Rheintöchter ein blaues Tuch über den Schauplatz der Geschichte ziehen. «In höchster Ergriffenheit» sehen Zuschauer dem «Wasser» wie auch dem «wachsenden Feuerschein» zu, und faszinierend fermatenhaft lässt GMD Evan Christ den Des-Dur-Akkord so ausklingen, als gäbe es nach der «Götterdämmerung» nichts mehr auf der Welt. Schon gar nicht Musik.
Der dritte Tag der Tetralogie «Der Ring des Nibelungen» fällt nicht nur deshalb aus dem Rahmen, weil ein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2013
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Hartmut Regitz
Großer Bahnhof vor dem Bahnhof. Dem von einst, der heute ein Festspielhaus ist. Baden-Baden, der erste Abend der «neuen» Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker. Ein Anblick fast wie in der Salzburger Hofstallgasse, der das Orchester den Rücken kehrte. Eine Schwadron von Reisebussen aus ganz Baden-Württemberg und dem nahen Ausland. Hoch- und Erwartungsstimmung...
Neue Musik – ein schillernder Begriff. Wertfrei definiert, müsste er eigentlich alles Zeitgenössische bezeichnen. Das sogenannte avancierte Klanggeschehen in Darmstadt oder Donaueschingen wie das Massengut kommerzieller Pop-Produkte. Tut er aber nicht. Wenn von Neuer Musik die Rede ist, schwingt immer ein normativer Anspruch mit: die Forderung nach Unerhörtem, nach...
Gut möglich, dass sie selbst nicht mehr daran geglaubt haben. Einst wurden Dieter Dorn und Jürgen Rose, in gefühlter ewiger Theater-Kollaboration verbunden, von Wolfgang Sawallisch gefragt, ob sie 1987 Wagners «Ring des Nibelungen» an der Bayerischen Staatsoper realisieren wollen. Dorn, damals Prinzipal der Münchner Kammerspiele, lehnte ab. Zu aufwändig, zu viel...
