Goldkäfig der Macht
Zufall oder nicht: Die allermeisten der von mir erlebten «Boris»-Neuinszenierungen der letzten Jahrzehnte stützten sich auf den sogenannten Ur-Boris von 1869 – ohne Polen-Akt und Kromy-Bild, nach des Komponisten späterer Absicht das Finale eines «Volksdramas» mit einem kollektiven Subjekt als Hauptprotagonisten. Mit dieser Version spekulieren die Theater auf ein vermeintlich besonderes Authentizitätsprestige des Etiketts «Ur», machen sich ihre Bemühung aber auch handlich; mit gut zwei Stunden Spieldauer kann eventuell sogar auf die Pause verzichtet werden.
So interessant der frühe Boris ist: Ihn als den ganzen zu verkaufen, wäre verfehlt. Mussorgsky schuf ein work in progress, dessen Intentionen sich «unter der Hand» vergrößerten. Der nun in Darmstadt (als Koproduktion mit Wiesbaden) präsentierte «Boris Godunow» macht es sich nicht so billig. Wir begegnen dem grandios-anarchischen Bild des Kromy-Volksaufstands, das im Verbund mit der Szene vor der Wassilij-Kathedrale dramaturgisch freilich immer ein wenig ungut tangiert erscheint. Vor allem stört die Einbuße des keineswegs entbehrlichen Polen-Akts. Er gerade ist es, der das «Panoramatische» des russischen Nationaloperntypus ...
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Opernwelt Juni 2015
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Hans-Klaus Jungheinrich
Jonathan Dove, Sie haben Ihr Handwerk vor allem in der Praxis gelernt?
Nach dem Studium in Cambridge bei Robin Holloway war ich gut zehn Jahre als Korrepetitor, Begleiter, Arrangeur unterwegs, da lernt man, wie Oper funktioniert. Unter anderem habe ich für Graham Vick die «West Side Story» als Community-Oper eingerichtet – schon in den Achtzigern ein ganz ähnliches...
Jedes Land besitzt so viele Nationalopern, wie es verträgt. Zum Beispiel Dänemark. Man kennt «Maskarade» und «Saul und David», komponiert von Carl Nielsen. «Wenn man beide ansetzt», sagt der Intendant der Königlichen Oper von Kopenhagen, Sven Müller, «so sollte man bedenken, dass man sie nicht doppelt besetzen kann.» Für mehr als zwei dänische Nationalopern reiche...
Ach, es könnte so schön sein. Vom Dach des neuen Opernhauses sieht man Florenz wie auf einer Postkarte daliegen. Der Turm des Palazzo Vecchio, Giottos Campanile und die Kuppel des Domes, im Hintergrund die weiße Fassade von Santa Croce, wo Rossini begraben liegt. Das alles nicht so weit weg wie das Zentrum von Paris, wenn man es von der neuen Philharmonie aus...
