Die Kamera der Anderen
Worin besteht die Lasterlaufbahn des Tom Rakewell? Für Krzysztof Warlikowski, den polnischen Regisseur aus Frankreich, der Strawinskys «The Rake’s Progress» mit dem Ensemble der Berliner Staatsoper im Schiller Theater inszeniert, darin, dass der Jungmänner-Verführer Andy Warhol alias Nick Shadow dem Möchtegern-James-Dean Tom in der amerikanischen Provinz auflauert und ihn in die queere Szene von New York verschleppt. Vor dem silbernen Wohnwagen der üppig tremolierenden Mother Goose (Birgit Remmert im John-Waters-Outfit) kokst man sich die Rübe voll.
Der zugedröhnte Tom singt seine Arie in die Kamera und holt sich seine 15-Minuten-Ration Ruhm ab. Dann gibt er sich willenlos den Doktorspielchen mit Mom und Dad im psychedelischen Hippie-Vehikel hin.
Nächster Gag: Die Heirat mit der überdrehten Fummeltrine Türkenbabs. Nicolas Ziélinski schenkt ihr ein grelles, in der Tiefe resonanzarmes Counter-Stimmchen. Die Brotmaschine, mit der sich Tom zum Menschheitsbeglücker aufschwingen will, ist ein Küchen-Fleischwolf, in dem Andy/Nick das gute Herz eines schwarzen Jesulein zu Hackepeter performt. Rasta-Sellem verramscht die Ikonen der amerikanischen Konsumkultur von Bugs Bunny bis Neil ...
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Opernwelt Februar 2011
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Boris Kehrmann
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