Deformierte Seelen
Miriways, afghanischer Warlord in Persien, verlangt von Sophi, dem rechtmäßigen Kronprinzen, seine Tochter zu heiraten, obwohl dessen Herz vergeben ist. Der Machtmensch will Milde im eroberten Land demonstrieren und gleichzeitig die Strippen ziehen. Aber nicht nur, weil der Januskopf absolutistischer Fürstenherrschaft permanent enthüllt wird, ist Johann Samuel Müllers Libretto für Telemanns Hamburger Oper von 1728 spannend. Auf gleichem Niveau bewegt sich sein psychoanalytischer Vorgriff.
Miriways erlitt durch seinen Vater dasselbe Trauma: Auch er musste seine Liebe dem Machtkalkül opfern. Müller zeigt, wie Opfer zwanghaft andere Menschen zu Opfern machen. Die menschliche Deformation pflanzt sich fort. Nur ein Deus ex machina kann den Teufelskreis brechen (siehe «Iphigenie»). Christliche Theologie findet ihn im Konzept der Gnade, der Absolutismus in der Milde (clemenza), die Antike in Tyché (Zufall). Da der republikanische Frühaufklärer Müller clemenza und Gnade als Propagandainstrumente «falschen Bewusstseins» ausscheidet, führten bei ihm der Zufall und die Überlegenheit bürgerlichen Seelenadels über höfischen Standesdünkel zum Happy End. Einen solchen Sprengsatz konnte man ...
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Opernwelt Mai 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Boris Kehrmann
Nach dem Konsens der Spätmoderne, den Thomas Macho in seinem Buch «Todesmetaphern» formuliert hat, können wir uns vom Tod kein Bildnis machen und über ihn nicht reden. Wer redet, lebt noch; die Toten aber schweigen. Und aus dem Land, aus dem noch niemand je zurückgekehrt ist, gibt es keine Bilder. Da klingt es nach Widerstand gegen denkerische Diktate, wenn die...
Wer sich selbst sehen will, braucht einen Spiegel. In der Oper war die Historisierung schon früh ein Mittel, die eigene Gegenwart in den Blick zu bekommen. Geschichtliche Distanz spornt an zur Selbstdeutung – als Eigenleistung des Zuschauers, nicht als Diktat des Autors. Darin lag der Sinn von Stoffen aus fernen Ländern und Zeiten. Der Theologe und Dichter...
Sie dirigieren 2016, nach «Lohengrin», Ihre zweite Festspiel-Premiere in Bayreuth: «Parsifal». Mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks haben Sie gerade den dritten Akt konzertant aufgeführt. Ein Testlauf?
In solchen Kategorien denke ich eigentlich nicht. Wir haben nach einer Möglichkeit für konzertante Oper gesucht und sind irgendwann auf «Parsifal»...
