Ziemlich viel Verkehr
Er hatte die heuchlerische Moral eines neuen Zeitalters im Blick und war ein genauer Beobachter der gesellschaftlichen Veränderungen rund um die Zeitenwende des vorletzten Jahrhundertwechsels. In Tübingen hat der griechische Schauspieler und Regisseur Akillas Karazissis Sternheims bürgerliches Lustspiel nun inszeniert, als sei es die expressionistische Pilotfolge einer Netflix-Staffel aus dem Hause Trump.
Als Carl Sternheim partout wollte, dass die Gattin eines wilhelminischen Beamten auf offener Straße ihre Hose verliert, wurde das als derart skandalös empfunden, dass Max Reinhardts Uraufführung der Bürgersatire in Berlin «aus Gründen der Sittlichkeit» zunächst polizeilich verboten wurde. Vordergründig ging es um das Reizwort «Hose», tatsächlich aber wohl darum, dass Sternheim gnadenlos vorführte, wie triebgesteuert Spießbürger in den eigenen vier Wänden sein können. Allen voran Theobald Maske, der um seine lebenslange Verbeamtung fürchtet und der Gattin hinterherzetert, wie ihr das mit der Hose nur passieren konnte.
Der Mann ist aber auch derart geldgierig, dass er in seiner gutbürgerlichen Wohnung gleich zwei Untermieter aufnimmt, wissend, dass beide scharf auf seine Gattin ...
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Theater heute August/September 2018
Rubrik: Chronik, Seite 67
von Jürgen Berger
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Jetzt steht Bruno im Overall, blutverschmiert...
Mit Mitte 30 hat Mary Page Marlowe viel erduldet und nichts erreicht in ihrem Leben. Sie sitzt auf einer Bank, ein Therapeut durchlöchert ihre Ich-Blockade mit Existenzfragen, auf die sie keine Antwort kennt. Bis sich Marys stahlblaue Augen weiten. Und dann sagt sie, dass sie sich noch niemals für etwas wirklich entschieden habe. Eine namenlose Sehnsucht liegt frei...
Bei aller Verwandtschaft zum Diskurspop ist die wahre Qualität von Thomas Köcks Texten doch ihre emotionale Kraft und Dringlichkeit: Gesellschaftsreflektion und persönliches Anliegen sind untrennbar verquickt. Bisher am zwingendsten, am radikalsten ist ihm dies in «Paradies spielen» gelungen. Dabei ist die schmerzvolle Einsicht immer präsent, dass das Theater nicht...
