Von Natur aus global

Der Schauspieler Yuri Englert kommt aus den USA, ist ein abgehangener Diskurs-Performer und liebt dennoch deutsches Stadttheater

Theater heute - Logo

Schenkt ein Vater dem Sohn zu Weihnachten eine Schildkröte. Nach zwei Stunden ist das Tier tot. Der Vater ist außer sich – wo soll er jetzt die neue herkriegen, am Heiligen Abend? War­um tötet Gott Schildkröten? Sie lachen ja gar nicht. Aber wenn Sie nicht lachen, geht der Witz wieder von vorne los.

Yuri Englert trägt einen blauen taillierten Anzug und steht wie ein hanseatischer Conférencier allein auf der Bühne, stets in eleganter Distanz zu sich selbst. Es ist sein erster Auftritt in Köln, als Martin Kippenberger in Angela Richters dokumentarischer Künstlerrecherche.

Geschlagene zwanzig Minuten lang durchläuft Yuri Englert nun alle Metaebenen, die ein Witz so aufweisen kann. Beschreibt detailliert, wie liebevoll die Schildkröte eingepackt war. Zeigt mit Kinderblick, wie sie mit schiefem Kopf tot daliegt. Wie der Papa jetzt ein Problem hat, muss Weihnachten doch um jeden Preis gelingen. Tobt auf einmal, als der Verkäufer für die zweite Schildkröte den Preis verdoppelt, und verliert vollends die Fassung, als Sohnemann treuherzig die zweite um die Ecke bringt. Fällt von Babysprache in Lokaljargon, um sich den Kölnern anzubiedern, wie er ihnen sogleich vertraulich verrät.

Während ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2015
Rubrik: Akteure, Seite 40
von Dorothea Marcus

Weitere Beiträge
Weihnachten mit Kübelpalme

Nein, es hilft dem Theaterspaß keineswegs immer, im Fall von Romandramatisierungen den Roman vorher zu lesen. Das gilt ganz besonders für Bücher, deren Reiz vor allem in der Sprache und in der Skurrilität des Blickwinkels liegt. Bücher wie Lutz Seilers erstaunlicher Bestseller «Kruso», der 2014 den Deutschen Buchpreis gewann, obwohl er alles andere ist als easy...

Auf die Grenzen, fertig, los!

So viel Wehmut und Euphorie war selten wie letzten Sommer, als Johan Simons nach fünf kurzen Spielzeiten die Münchner Kammerspiele Richtung Ruhrtriennale verließ. Und selten gab es so viel wild oszil­lierende Debatten um einen neuen Theaterdirektor in der Stadt wie zum Amtsantritt seines Nachfolgers Matthias Lilienthal – lange bevor auf der Bühne selbst überhaupt...

Eine Prise Camp

Der Blick geht in Richtung Schnürboden, da oben schwebt etwas. Ein Engel? Oder doch nur das Ozonloch? Wir schreiben das Jahr 1986, die westliche Welt bewegt sich zwischen Milleniumsangst und radikaler Selbstvergewisserung. Kalter Krieg, konservativer Backlash, Umweltzerstörung schaffen eine fiebrige Atmosphäre, in der der Ausbruch der  Aids-Epidemie wie ein Fanal...