Unermesslicher Abstand, trügerische Nähe

Im November war Heinrich von Kleist 200 Jahre tot, und das Berliner Gorki Theater beging den Monat mit einem Kleist-Festival, bei dem Jan Bosse «Das Käthchen von Heilbronn» und Antú Romero Nunes «Die Familie Schroffenstein» inszenierten. She She Pop machten sich ihren eigenen Reim auf die «Marquise von O.» heute.

Theater heute - Logo

Ferner ist keiner. 200 Jahre ist Kleist nun tot, ein Doppelselbstmord am Wannsee von einem, «dem auf Erden nicht zu helfen war». Radikaler, unversöhnter mit dem Relativierenden des alltäglichen Lebensvollzugs in der «gebrechlichen Einrichtung der Welt» als Kleist war keiner unserer Klassiker. Im Zeitalter von Ironie, achselzuckendem Laissez-faire und ideologischer Desillusionierung erscheinen seine Gefühlsfundamentalisten und Prinzipienreiter mit ihren absolutistischen Sprachbildern, grandiosen Verstiegenheiten und weltabgewandter Unbedingtheit wie rasende Sonderlinge.

Das hat nicht nur mit den 200 verstrichenen Jahren zu tun. Auch seinen aufgeklärten Zeitgenossen blieb der an der Aufklärung verzweifelte Kleist sehr fremd. Am nächsten kam man seinen Dramen und Erzählungen wohl immer schon, wenn wenigstens ein Rest von Sehnsucht nach der großen Hingabe mit im Spiel war bei der Beschäftigung mit der Unlebbarkeit seiner überlebensgroßen Entwürfe und ihres Scheiterns.

She She Pop und die Marquise von O.

So ein, selbstredend ironisch ummänteltes, Verlangen kann man vielleicht den She-She-Poppern Lisa Lucassen und Sebastian Bark unterstellen, die sich der ohnmächtig geschwängerten Marquise ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 26
von Barbara Burckhardt

Weitere Beiträge
Laues Lüftchen

Jean Genets Reaktion auf die Uraufführung 1957 am Londoner Arts Theatre legt nahe, dass Peter Zadek damals ziemlich prall und heftig inszeniert haben muss. Der Regisseur, so Genet, habe weder den Geist noch den Text des Stückes geachtet, und überdies erwecke die Inszenierung den Eindruck, er, also Genet, «sei ein Skandalma­cher und Pornograf». Donnerwetter, kann...

Das Münchner Spielart Festival

Er verzeihe denjenigen, die im Oktober mit Gewalt versucht haben, das Publikum am Besuch der Vorstellung im Pariser Théâtre de la Ville zu hindern, schreibt der italienische Theatermacher Romeo Castellucci auf seiner Homepage, er verzeihe ihnen, weil sie nicht wuss­ten, was sie tun. Und nimmt damit selbst die Pose des Erlösers ein, den die militant christlichen...

Vom langen Lied des Horrors

Vom Ehrenbreitstein, also von hoch oben aus gesehen, scheint unten am Rheinufer im Großenganzen alles in Ordnung: Der Intendant macht gängiges Programm, sein teuer renoviertes Theater, eine historische Kostbarkeit, ist beliebt in der Stadt. Und zum Start in die neue Saison gibt’s ganz gutbürgerlich und massenkompatibel das große Format, klassisch. Auch die dritte...