Das Münchner Spielart Festival

Socìetas Raffaello Sanzio und Gisèle Vienne zu Gast beim Münchner Spielart Festival

Theater heute - Logo

Er verzeihe denjenigen, die im Oktober mit Gewalt versucht haben, das Publikum am Besuch der Vorstellung im Pariser Théâtre de la Ville zu hindern, schreibt der italienische Theatermacher Romeo Castellucci auf seiner Homepage, er verzeihe ihnen, weil sie nicht wuss­ten, was sie tun. Und nimmt damit selbst die Pose des Erlösers ein, den die militant christlichen Protestierer ihrerseits meinten, mit Wurfgeschossen wie Eiern und Öl in Schutz nehmen zu müssen.

Im jüngsten Projekt von Castelluccis Socìetas Raffaello Sanzio «On the Concept of the Face, Regarding the Son of God, Vol.

1», zuletzt zu sehen auf dem Münchner Theaterfestival Spielart, müht sich ein Sohn, Typ seriöser Businessman, eine Dreiviertelstunde lang, seinem dementen und inkontinenten Vater die Windeln zu wechseln. Das Ganze findet statt in einem (bald nicht mehr) blütenweiß eingerichteten Designer-Loft unter dem sanften Blick einer übergroßen Reproduktion des Weltenretters von Antonella da Messina und ist eine minutiöse Tortur der Nächstenliebe zwischen Exkrement und Sakrament, Erniedrigung und Überforderung.

Im Bewusstsein der Ausweglosigkeit brechen beide schließlich jeder für sich allein und doch in einhelliger ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2012
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Silvia Stammen

Weitere Beiträge
Oh, le Bordell

Lässt die französische Hausfrau ihrem Unmut freien Lauf, wissen die Kinder, dass sie sofort ihr Zimmer aufräumen müssen. Immerhin hat die Mama mit ihrem «Oh, le bordell» einen Zustand der größtmöglichen Unordnung markiert, den sie nicht mehr länger zu dulden gewillt ist.

In etwa so ist es auch in Shakespeares «Maß für Maß» und Jean Genets «Der Balkon», die jetzt in...

Mach mich nass!

Eine schmucke kleine Hochzeitsgesellschaft, vielleicht irgendwo auf dem Balkan, wo das legendäre Illyrien liegen soll, vielleicht auch bloß beim Griechen in Bochum-Stiepel. Die Braut trägt Weiß, der Vater des Bräutigams packt langen Unsinn in eine kurze Rede, der Kellner ist nervös, der Bräutigam gibt sich Mühe, nett zu sein. Bis dahin ist alles korrekt (abgesehen...

Mehr Kampf, mehr Frust, mehr Intensität

Letzte Nacht habe ich nicht geschlafen, weil am Ende meiner Straße so viele Hunde heulten. Am nächsten Morgen heißt es im Radio, dass es 18.000 von ihnen gibt. 18.000 streunende Hunde in einer Stadt. Als ich aus dem Fenster blicke, wühlt jemand in der Mülltonne. Die Tonnen stehen immer offen, auch wenn sie einen Deckel haben. Es ist ein Roma, der wahrscheinlich...