Stein des Anstoßes

Marius von Mayenburgs «Der Stein» an der Berliner Schaubühne, inszeniert von Ingo Berk

Theater heute - Logo

Schon lange fällt auf, dass in der aktuellen Stückeproduktion geschichtliche Zusammenhänge zumeist ausgeblendet werden und der Problemfall «Familie» in der Regel als kurzatmiges Close-up inklusive einer obligatorischen Prise Inzest verhandelt wird.

Marius von Mayenburg dagegen kümmert sich um eine die Generationen übergreifende und das Leben einer Familie bestimmende Lüge.

Ausgangspunkt ist der Großvater Wolfgang Heising, ein überzeugter Nazi, der das Haus einer enteigneten jüdischen Familie zum Spottpreis erwarb, was wiederum dazu führt, dass die Großmutter kolportiert, ihr Gatte habe der jüdischen Familie das Leben gerettet.

Die Legende funktioniert ganz gut über die Phasen der deutschen Geschichte hinweg und bis hin zum Mauerfall, wenn die Heising-Tochter Heidrun das in DDR-Zeiten enteignete Haus von den aktuellen Besitzern zurückfordert. Die Enttarnung droht erst, als Enkelin Hannah die angeblich vom Großvater gerettete jüdi-sche Familie in den USA besuchen will. Das Stück, könnte man einwenden, schwächelt immer dann, wenn nicht deutlich wird, aus welch unterschiedlichen Gründen einzelne Familienmitglieder die Familienlüge aufrecht erhalten wollen. Auf der anderen Seite hätte ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2009
Rubrik: Prädikat Bemerkenswert, Seite 22
von Jürgen Berger

Vergriffen
Weitere Beiträge
Hoch hinaus und tief hinab

Ein zentraler Satz in Thomas Manns alttestamentarischem Weltdeutungs-Roman «Joseph und seine Brüder» lautet: «Die Sphäre rollt.» Geschichte als das Geschichtete kann sich immerzu wenden. Wolfgang Engels konzentriert minimalistische Uraufführung der John-von-Düffel-Dramatisierung beginnt als Vorspiel auf dem Theater. Wie Talmud-Gelehrte verhandeln die Darsteller die...

Kratzen am Grossen Einverständnis

Das russische Theater fällt selten durch politischen Humor auf. Unlängst gab es jedoch eine Aktion der Gruppe «Ära» in Sankt Petersburg, die an beste Traditionen anknüpft: Subversion durch Affirmation. Mit Parolen wie «Ja zu steigenden Strompreisen» und feierlich hochgehaltenen Putin-Porträts bewegte sich der «Marsch der Einverstandenen» über die altehrwürdige...

Still und nonchalant

Es gibt diese Saison zwei viel diskutierte Produktionen zu historisch-politischen Komplexen, von denen eine zum Theatertreffen eingeladen wurde, die andere nicht. Während Volker Löschs trivial-demagogische Umarbeitung von Peter Weiss’ «Marat/Sade»-Stück («Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?») mit der Einladung die Ehre erhielt, «bemerkenswert» genannt...