Kratzen am Grossen Einverständnis

Im staatstragenden russischen Mainstream wächst dem freien Theater wieder eine subversive Aufgabe zu, z.B. in Sankt Petersburg

Theater heute - Logo

Das russische Theater fällt selten durch politischen Humor auf. Unlängst gab es jedoch eine Aktion der Gruppe «Ära» in Sankt Petersburg, die an beste Traditionen anknüpft: Subversion durch Affirmation. Mit Parolen wie «Ja zu steigenden Strompreisen» und feierlich hochgehaltenen Putin-Porträts bewegte sich der «Marsch der Einverstandenen» über die altehrwürdige Uferstraße der Wassiljew-Insel. Eine russische Fahne mit der Aufschrift «Mit allem einverstanden» rundete die Performance ab.

Die Staatsmacht erkannte und reagierte mit Verhaftungen im Sowjet-Stil auf Schändung von Symbolen, während Putins englischsprachiger Propagandakanal «Russia Today» pausenlos von Wirtschaftskatastrophen vorzugsweise in den besonders verhassten baltischen Republiken oder einstigen Satellitenstaaten wie Ungarn berichtete. Im eigenen Land würde man mit den Schwierigkeiten indes gut fertig werden.

Von staatlicher Seite wird das Theater mit wohlwollender Aufmerksamkeit bedacht, wenn es gleich auf den ersten Blick als Garant rus­sischer Größe zu erkennen ist. Im Marinskij-Theater läuft Tschaikowskis «Dornröschen» in einer siebzig Jahre alten Choreografie, die durch sogenannte Coaches immer wieder auf Norm ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2009
Rubrik: Magazin, Seite 65
von Thomas Irmer

Vergriffen
Weitere Beiträge
Ein Ekel nach dem anderen

Nacht vom 16. auf den 17.2. 2001 und Morgen 6 Uhr 35

Grausam. Gegen 23 Uhr wankte ich zum 1. Mal nach unten, auf der Treppe begegnete ich einer Ärztin, die mich ziemlich verstört den Hosenstall zumachen sah, ich wollte mich einfach richtig anziehen, danach Streit mit demWachmann, der mich nicht in den Fernsehraum lassen wollte, ekelhaft, reine Schurigelei, es sei...

Hoch hinaus und tief hinab

Ein zentraler Satz in Thomas Manns alttestamentarischem Weltdeutungs-Roman «Joseph und seine Brüder» lautet: «Die Sphäre rollt.» Geschichte als das Geschichtete kann sich immerzu wenden. Wolfgang Engels konzentriert minimalistische Uraufführung der John-von-Düffel-Dramatisierung beginnt als Vorspiel auf dem Theater. Wie Talmud-Gelehrte verhandeln die Darsteller die...

Gegenkritik: Stephan Kimmig

Zu den wohlfeilsten Abwehrreflexen, die beim Ansehen eines künstlerischen Vortrags oder eben eines Theaterabends entstehen, gehört das Etikett: «krank». Warum? Weil «krank» eben nicht wir sind. Wir sind normal, und die da auf der Bühne sind krank. Man kann nur Vermutungen anstellen, warum diese Reflexe immer wieder so schnell greifen. Erzeu­gen die Figuren eine...