Spaß und Gewalt
Schon beeindruckend, wie zwei leidenschaftliche Präzisionsschauspieler auf freier Bühne eine große Nummer bauen: Wie Samuel Finzi den Köder seiner vollgepissten Bierflasche mit pubertärer Erwartungsfreude auslegt, und Wolfram Koch gekonnt ziellos draufzustolpert, wie er das Gesöff lustvoll in sich hineinlaufen lässt und sich der Ekel zeitversetzt wie kleine Mauerrisse über seinem Gesicht ausbreitet, schließlich an der leise kräuselnden Unterlippe hängen bleibt, hilflos sabbernd nachtropft, wie er dann den sich anbahnenden inneren Krampf durch den Körper fahren lässt und kurz vorm B
rechanfall wieder Haltung fasst, die Flasche abstellt, sich aufrichtet und die Demütigung runterschluckt, um sich nicht noch eine größere Blöße zu geben. Und wie Finzi all das innerlich vor Freude platzend, atemlos unbeteiligt beobachtet, um dann ein harmloses Gespräch anzufangen, dessen Inhalt das gerade Geschehene bei weitem übertrifft.
Denn Andjel, der getäuschte Biertrinker, ist ein todkranker Krüppel, seit ihn ein Unbekannter mit Brechstange und Hammer niedergeschlagen und ihm 27 Knochen gebrochen sowie einige innere Organen zermantscht hat. Und Dimitrije, der Pissflaschen-Spaßvogel, ist zwar der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wie viel Handke passt in 100 Minuten Theater? Reichlich. Auch wenn Michael Simons Version des «Spiels vom Fragen» nur etwa ein Drittel der Zeit beansprucht, die sich Claus Peymanns Uraufführung 1990 nahm, erhalten Simon und Dramaturg Tilmann Neufer das Wesentliche. Denn sie nehmen den Titel angenehm wörtlich und entwickeln aus dem als überfrachtet, verstiegen und...
Bombastische Rockmusik. Das Skelett einer Kirche. Nebelschwaden. Ein einsamer Männerschatten zeichnet sich am Bühnenhorizont ab, wandert nach vorn an die Rampe und sagt «Krieg». «Krieg, Krieg, Krieg, Krieg, Krieg.» Die Platte des Propheten hängt. Peter René Lüdicke artikuliert weitere zweihundert Mal «Krieg», gefolgt von heikleren «Hungersnöten» und...
Im strahlenden Sonnenschein eilt Katie Mitchell zum Treffpunkt National Theatre Bühneneingang. Etwas zu spät wegen dringender Bankgeschäfte – das Wort Island fällt –, etwas in Eile, weil sie in ein paar Stunden der Presse ihr frischgeschriebenes Buch «The Director’s Craft» vorstellen wird. In ihrem Rucksack schwere Wälzer anderer Natur: Sie recherchiere gerade zwei...
