Girlsgang zum Dritten: Nora Abdel-Maksoud, Abak Safaei-Rad, Svenja Liesau und Suna Gürler in Sibylle Bergs «Nach uns das All» am Gorki Theater Berlin; Foto: Ute Langkafel

Selbstermächtigung in Serie

Am Berliner Gorki Theater empowert Yael Ronen eine «Roma Armee» und Sibylle Berg befraut eine Mars-Rakete, in Göttingen kritisiert sich Rebekka Kricheldorfs «Fräulein Agnes» ins soziale Abseits

Theater heute - Logo

Inzwischen läuft die Form verdächtig rund: Man nehme eine marginalisierte Gruppe, sammle dann die negativen Zuschreibungen und einschlägigen Klischees, verbinde das Ganze mit einer Prise persönlichem Soulsearching der beteiligten Schauspieler und Projektmitglieder, füge ein paar beispielhafte Spielsituationen hinzu, wende alles in überlegener Ironie, würze mit einer deftigen Portion Betroffenheit, flambiere am Ende in positiver Aufbruchsstimmung – und fertig ist die perfekte Empowerment-Show, die niemandem weh tut.

Allgemeine Zustimmung ist schon deshalb garantiert, weil die jeweilige Community in bewegter Selbstfeier frenetisch reagiert und alle anderen sowieso nichts dagegen haben können, sofern sie sich nicht unter verschärften Rassismusverdacht stellen wollen: die klassische Solidaritätsapplausmaschine.

Yael Ronen, einst widerständige Pionierin des Genres, die mit Inszenierungen wie «Common Ground» oder «The Situation» die postjugoslawischen oder nahöstlichen ethnischen und politischen Verhältnisse in verwirrende Täter/Opfer-Strudel gerissen hatte, zeigt gerade am Berliner Gorki Theater, wie eine unvorhersehbare Dramaturgie zum Rezept werden kann. Nie waren sich Engagement ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2017
Rubrik: Neue Stücke, Seite 24
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Regie aus dem Putin-Knast

Die Vorgeschichte

Im Mai 2017 nahm Kirill Serebrennikov am Gogol-Center Proben an Alexander Puschkins «Kleine Tragödien» auf. Dieses Theater hat er selbst gegründet, und in den fünf Jahren von dessen Existenz zum besten Theater Moskaus gemacht.

Im selben Monat wurde seine Privatwohnung von der Polizei durchsucht. Zunächst war der bekannte Regisseur nur als Zeuge...

Leipzig: Glühwürmchenidyll

Die Fabrikhalle, die Ausstattungsleiter Hugo Gretler auf die Bühne des Leipziger Schauspielhauses gesetzt hat, ist leer. Rechts ein Ausschank, hinten Türen zu den Herren- und Damen-Toiletten und in der Mitte eine rundumglaste Zeppelingondel bilden zusammen mit altem DDR-Mobiliar den Grund für ein Spiel der unendlichen Traurigkeit. Kasimir und Karoline, verkörpert...

Unterwegs bleiben

War in München zuletzt heftig über den schwer scharfzustellenden Begriff Schauspielkunst und deren womöglich drohendes Ende durch eine falsch verstandenen Authenti­zität des Performativen gestritten worden, so scheinen nun beide großen Häuser, Residenztheater und Kammerspiele, angetreten, sich als veritable Schauspielertheater zu beweisen – mit unterschiedlichem...