Report von der Fleischbank
Es ist noch ziemlich am Anfang dieser knappe fünf Stunden währenden Reise in die Nacht, da flimmern ein paar kurze Szenenausschnitte aus einem frühen Fassbinder-Film über die Screens, auf denen später die Castorf-Crew in stickigen Séparées übereinander herfallen wird.
«Warnung vor einer heiligen Nutte» aus dem Jahr 1971 heißt die radikale Selbstanalyse über ein in Italien herumlungerndes Film-Team, das in Ermangelung von Geld und Hauptdarsteller mithilfe ungezählter Cuba Libres langsam in ein heilloses gruppendynamisches Delirium abdriftet und dabei doch gerade der heiligen Nutte – gemeint ist der Film selbst – direkt in die Arme fällt. Womöglich besteht ja eine Wesensverwandtschaft zwischen dem Münchner Filmgenie und dem Berliner Theatertycoon, zumindest was die unübersichtlichen Arbeitsfamilienverhältnisse und die Zermürbungstaktik zur Mobilisierung aller Kraftressourcen bis zur finalen Erschöpfung (von Akteuren wie Zuschauern) betrifft.
In den Konturen der Volksbühne
Die hat Frank Castorf nun bei Jaroslav Hašeks unvollendetem Roman «Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg» am Münchner Residenztheater erneut entschlossen in Anschlag gebracht. Und auch wenn in der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Silvia Stammen
Der amerikanische Physiker William Roger Corliss (1926–2011) schrieb Bücher über unerklärliche Naturerscheinungen. Nicht UFOs waren seine Leidenschaft, sondern gewöhnlichere Anomalien. Corliss sammelte seltsame Wetterphänomene und ging gegen den Glauben an die exakte Wissenschaft vor, den er längst verloren hatte, als er 1988 eine Preisverleihung in London...
Es war der Roman mit dem längsten Titel der Saison, und er wurde zur allgemeinen Überraschung mit dem sonst durchaus eher dem leichter Bekömmlichen zugeneigten Deutschen Buchpreis 2015 gekrönt: Frank Witzels «Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969». Auf über 800 Seiten in mannigfaltigen Textsorten reflektiert,...
Das Brexit-Referendum dräut. Seit im Februar der Startschuss der «Remain»- und der «Leave»-Kampagne fiel, ist die schlammschlachtlastige Debatte immer mehr auf die Themen Wirtschaft versus Immigration zusammengeschmolzen. Die Politiker melden sich täglich zu Wort. Die Kunst- und Theaterszene kaum. Als Schauspielerin Emma Thompson äußerte, sie fände es «nicht...
