Rache ist Blutwurst
Es gibt da nichts zu beschönigen. Schon das erste Drittel des letzten Säkulums hätte gereicht, um dem Titel «Jahrhundert der Katastrophen» traurige Ehre zu machen.
Der französische Arzt und Skandalautor Louis-Ferdinand Céline war der erste, der das in seinem 1932 erschienenen Debutroman «Reise ans Ende der Nacht» schonungslos verkündete, mit einer Sprache, die wie eine schmutzige Handgranate voller Zynismus, galligem Humor und ohne jeden Funken pathetischer Beschwichtigung in den Händen der literarischen Welt explodierte und ihm die Bewunderung vor allem auch der linken Prominenz eintrug.
Céline, das räudige Genie, der Judenhasser, als der er sich bald darauf entpuppte, und spätere Nazi-Kollaborateur, holt darin gleich zu Beginn seiner literarischen Laufbahn zu einem Rundumschlag aus, schickt sein Alter Ego, den Medizinstudenten Ferdinand Bardamu, als Freiwilligen in den Ersten Weltkrieg, den er als menschenverachtende Absurdität erlebt, entlarvt die obszöne Fratze des Kolonialismus in Afrika und die stumpfsinnige Ausbeutung der Arbeiter an den Fließbändern der amerikanischen Autoindustrie, bis er seinen angstgetriebenen Helden als Armenarzt – der er auch selbst zeitweise war – ...
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Theater heute Dezember 2013
Rubrik: Starts/Aufführungen, Seite 28
von Silvia Stammen
Der Gedärmeforscher Eines Sommerabends vor sechs Jahren warteten eine Freundin und ich in einer Sparkassen-Filiale am Rosenthaler Platz auf einen freien Geldautomaten. Ein Typ mit wirren grauen Haarsträhnen und sackartig ausgebeultem, speckigem Anorak hatte schon ziemlich lange auf eins der Geräte eingeredet und hilflos an ihm herumlaboriert, als er schließlich...
Das Rauschen des Meeres. Rhythmisch schwanken die verlorenen Menschen hin und her, während die Musiker den Takt vorgeben. Eine Frau in Weiß (Claudia Iglesias Ungo) taucht auf der Kante des verrotteten Schwimmbadbunkers auf, zieht geisterhaft ihre Kreise, während zwei Immigranten (Robin Sondermann und Alexander Swoboda) ihr zusehen, aber aus Angst vor Entdeckung der...
Glotzt nicht so romantisch!», hat Brecht seinen Prekariatsstücken als Aufforderung ans Publikum mitgegeben und es mit V-Effekten wie Brecht-Gardine oder Songs um die rührselige Identifikation gebracht. Wenn ein in der Regel gut verdienendes Publikum z.B. auf der Bühne der Münchner Kammerspiele das Leben der Anderen betrachtet, schleicht sich schnell der peinliche...
