Pure Vernunft darf manchmal siegen

Vom Stückezertrümmern zum Stückeverdichten: Michael Thalheimers «Herr Puntila und sein Knecht Matti», Dimiter Gotscheffs «Der Selbstmörder» und Johan Simons’ «Prinz Friedrich von Homburg»

Theater heute - Logo

Ein Mann allein an der Rampe. Kerzengerade und doch locker Stand- und Spielbein wahrend, den rechten Arm angriffslustig in die Hüfte gestemmt, der Schädel rot und stolz erhoben. Das weiße Hemd strahlt durch die Bühnennacht. Dunk­le Bläser, satte Streicher aus der «Alpensinfonie» von Richard Strauss tauchen den Puntila von Norman Hacker für Minuten in ein schweres Pathos. Sein stierer Blick ergreift Besitz von allem, was da vor ihm liegt. Ein Eigentümer, keine Frage, voll von Machtlust, Selbstbewusstsein, tja, und Alkohol.

Ecce Puntila.

Michael Thalheimer, der Brechts finnisches Volksstück aus dem Sommer 1940 am Thalia Thea­ter in Hamburg inszeniert und dabei wie gewohnt gesäubert hat von (beinah) allem, was den Text an ein konkretes Datum bindet, führt uns den feudalen Gutsbesitzer, das «vorzeitliche Tier», wie es im gestrichenen Prolog spöttisch heißt, als Machtmensch mit Suchtschwäche vor. Und Matti, sein Chauffeur im hellen Cordjackett, der, kurz nachdem der Strauss verklungen ist, an die Seite Puntilas tritt, übernimmt den Part des potentiellen Aufsteigers, der nur noch abzuwarten braucht, bis der Chef sich selbst vernichtet hat. Kein Klassenkampf. Kein Sozialismus, der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2007
Rubrik: Aufführungen, Seite 4
von Eva Behrendt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Klapperstorch kommt nicht mehr

Der Nihilismus ist auch nicht mehr das, was er mal war. «O glaub mir, es gibt keine Liebe! Alles Eigennutz, alles Egoismus», knallte der Schulprimus der Herzen, Melchior Gabor, seiner Geliebten Wendla beim Heuboden-Rendezvous bis dato immer früh­reif an den hübschen Kopf. Heutzutage ist man da pragmatischer. «Du siehst so beschissen gut aus», konstatiert der...

Der erste, der ging

1998, zum 100. Geburtstag Bertolt Brechts, versammelten sich fünf seiner Schüler in der Akademie der Künste in Berlin, um darüber zu reden, wie sie Brecht und die Weigel kennengelernt hatten. Das Thema hatte Egon Monk vorgeschlagen, er inszenierte und lenkte auch das erstaunlich heitere und erheiternde Gespräch. Angelika Hurwicz, 1948 die stumme Kattrin in der...

Den Affen bewahren

Es gibt einen sehr vernünftigen und ungewöhnlich konstruktiven Satz vom größten Pessimisten des 20. Jahrhun­derts, E. M. Cioran: «Wer Angst vor der Lächerlichkeit hat, wird es weder im Guten noch im Bösen sehr weit bringen.» Wer sein Leben lang denselben Job gemacht hat, wird mit dieser Weisheit vielleicht nicht viel anfangen können, und wer seine Sandkastenliebe...