Den Affen bewahren
Es gibt einen sehr vernünftigen und ungewöhnlich konstruktiven Satz vom größten Pessimisten des 20. Jahrhunderts, E. M. Cioran: «Wer Angst vor der Lächerlichkeit hat, wird es weder im Guten noch im Bösen sehr weit bringen.» Wer sein Leben lang denselben Job gemacht hat, wird mit dieser Weisheit vielleicht nicht viel anfangen können, und wer seine Sandkastenliebe geheiratet hat, wahrscheinlich auch nicht. Aber um die eigenen Unzufriedenheiten zu überwinden, braucht es in der Regel etwas Mut zur Peinlichkeit.
Um nochmal Cioran zu zitieren, dessen Philosophie im Kern zwar aus depressiven Denkfehlern besteht, der daraus aber häufig erstaunlich lebensbejahende Aphorismen gewann: «Man muss einige Reste des Affen bewahren oder zu Hause bleiben.»
Mit der öffentlichen Kritik von Kulturleistungen steht man vor einer ähnlichen Entscheidung zwischen Affe oder Zu-Hause-Bleiben. Denn die publizierte Bewertung anderer Leute Anstrengungen besitzt immer einen Kern von lächerlicher Anmaßung. Was fällt dem Kritiker ein, nach der Lektüre eines Dramas, vielleicht noch von etwas Zusatzliteratur (wenn es der hektische Betrieb denn zulässt) und der Ansicht eines Theaterabends ein Urteil zu fällen, das ...
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Ein Mann allein an der Rampe. Kerzengerade und doch locker Stand- und Spielbein wahrend, den rechten Arm angriffslustig in die Hüfte gestemmt, der Schädel rot und stolz erhoben. Das weiße Hemd strahlt durch die Bühnennacht. Dunkle Bläser, satte Streicher aus der «Alpensinfonie» von Richard Strauss tauchen den Puntila von Norman Hacker für Minuten in ein schweres...
Sind wir nicht alle ein bisschen Castorp? Blässlich, kränklich, mittelmäßig?
So jedenfalls sieht es die Regisseurin Friederike Heller, die für ihre Version von Thomas Manns «Zauberberg» am Schauspiel Frankfurt das Publikum gleich mitbesetzt hat. Als schweigende Masse darf es dieser Hans Castorp sein, mit dem Mann in seinem Roman den Durchschnitt zum Helden gemacht...
Was ist das nur für ein allerliebstes Bühnchen, das Karl-Ernst Herrmann da auf die Bühne des BE gestellt hat, ehe Handkes neues Stück überhaupt losgeht! Wie eine Spielzeugschachtel steht das Bühnenmodell, sorgfältig ausgeleuchtet, nahe der Rampe. Es steckt voller Bäumchen, und eine Mini-Allee führt in seine Tiefe. Auch zwei Wanderer-Puppen sind darin zu erkennen....
