Narrativ der Ehrlichkeit
Eine neue deutsche Leitkultur, das klingt aber therapeutisch! Als könnte man etwas erfinden, das alle Probleme löst. Und solange man es nicht gefunden hat, ist es auch in Ordnung, dass die Probleme da sind. Es kann ja gar nicht anders sein, ohne die größte und beste Erfindung. Eine Art gesellschaftlicher Weltformel. Und klar, das Wort kann gar nicht anders als auch ein bisschen verdächtig sein. Ein bisschen nach Herrschaft klingen, nach Richtschnur, nach richtig und falsch, gut und böse, Freund und Feind, wir und die. Die einen sehen es als Einladung, die anderen als Befehl.
Streiten wir uns also wie die Kinder um einen Begriff? Vielleicht ist bei denen, die eine Leitkultur fordern, insgeheim die Sehnsucht da, es gäbe eine.
Ein wenig romantisch, wie man schon mal Kultur gegen Zivilisation ausspielte, Deutschland gegen Frankreich, Wagner gegen Dior. Weil man selbst sich so unwohl fühlte in der Moderne, suchte man nach dem Überzeitlichen, das für alle gilt. Und natürlich vor allem nach dem, was man selber hat und was einen ein wenig besser macht als die anderen. Was soll das aber für eine Leitkultur sein, seien wir ehrlich, nach so vielen Jahren eines weißen, männlichen, ...
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Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Die Heimatfrage (1), Seite 20
von Anna Bergmann
«Nous sommes embarqués dans la vie … Cela n’est pas volontaire, vous êtes embarqué … Nous sommes tous le produit de nos croyances.» (Blaise Pascal)
1 «Paladar Latino»
Neulich brauchte ich Hilfe beim Abschluss eines neuen Mietvertrags für den Mousonturm und ging deshalb mit dem Frankfurter Planungsdezernenten Mittagessen. Er heißt Mike Josef, ist als Kind aus...
«Tartuffe», das fünfzehnte von dreiunddreißig überlieferten Dramen Molières, war jene Komödie, die unmittelbar nach ihrer Uraufführung 1664 mit dem Bann des Aufführungsverbots belegt wurde, die klerikale Kräfte veranlasste, den Dichter auf den Scheiterhaufen zu wünschen, und einen fünfjährigen erbitterten Kampf Molières um die Aufhebung des Verdikts durch den...
TH «Am Königsweg» ist, wenn wir richtig rechnen, Ihre erste Inszenierung eines Stücks von Elfriede Jelinek?
Falk Richter Nicht ganz. Ich habe vor zehn Jahren am Wiener Akademietheater «Ernst ist das Leben» inszeniert, eine Überschreibung von «Bunbury». Aber das war natürlich kein typischer Jelinek-Text. Da gab es noch Figuren, Dialoge, entliehen von Oscar Wilde. ...
